Die Helfer des Königs der Feder.

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Ab wann ist Beten provokativ?

Zum Beten begeben Sie sich bitte nach draußen?

In einem Wuppertaler Gymnasium wird „provozierendes Beten“ in der Schule untersagt, nachdem in den vergangenen Wochen immer häufiger beobachtet wurde, dass muslimische Schülerinnen und Schüler in Toiletten rituelle Waschungen durchgeführt und öffentlich auf Gebetsteppichen gebetet hätten.

 

Provokantes Gebet?

Ab wann ist ein Gebet provokant? Kann ein Gebet überhaupt provozieren? Offenbar sind in diesem Fall jene Gebete gemeint, die öffentlich und sichtbar verrichtet werden, wodurch einige wenige Lehrkräfte sich scheinbar bedrängt gefühlt haben. Nun, dafür gibt es eine einfache Lösung: stellen Sie den Betroffenen einen freien Raum zur Verfügung, beispielsweise während den Pausen, wo sie, ohne andere Schülerinnen und Schüler oder Lehrkräfte zu stören, in Ruhe beten können, d.h. ohne dass andere sich davon gestört fühlen.

Es habe bereits ein Schüler, so berichten die Medien, nach einem Gebetsraum gefragt, jedoch würde dieser aus einer radikalen Gruppierung des Islam stammen, weshalb der Antrag abgelehnt wurde. Aber die deutliche Mehrheit der muslimischen Schülerinnen und Schüler sind friedliche Muslime. Nur aufgrund des einen vielleicht sogar unbegründeten Verdachts müssen alle anderen Muslime darunter leiden, dass sie keinen Gebetsraum zur Verfügung gestellt bekommen.

In vielen Schulen und Universitäten gibt es bereits Gebetsräume für gläubige Schüler/innen und Student/innen. Die Schulleitung des Wuppertaler Gymnasiums könnte sich hieran ein Beispiel nehmen. Die Schule ist nun einmal kein religionsfreier Raum. Und dass die Toiletten für die rituelle Waschung vor dem Gebet gebraucht werden, ist gewiss nicht unerträglich. Da wäre wohl das durchschnittliche Niveau der Sauberkeit in Schultoiletten viel eher Grund zur Sorge.

Es festigt sich zunehmend der Eindruck, dass es hier nicht nur um „provozierendes Beten“, sondern um das Beten der Muslime, womöglich gar um die Sichtbarkeit von Religion generell, geht. Einigen Menschen ist eine öffentlich gelebte bzw. nach außen sichtbare Religiosität derart befremdlich, dass sie sie im Keim zu ersticken suchen oder zumindest mit verächtlichen Blicken betrachten. Haben hier wieder einmal Vorurteile gegenüber Muslimen eine Rolle gespielt oder etwa Angst vor der sogenannten „Islamisierung“?

Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich viele Bürger angesichts der Flüchtlingswelle vor Begegnungen mit neuen Kulturen und Menschen fürchten. Es liegt nämlich in der Natur des Menschen, dass er Angst vor Veränderung und Neuem hat. Deshalb fürchten sich einige Lehrkräfte, die den Islam nicht oder nur sehr wenig kennen, wenn Schüler plötzlich anfangen in der Schule zu beten, weil sie das vom üblichen Schulalltag nicht gewohnt sind. So könnten sie etwa den Schluss ziehen, derjenige Schüler habe sich „radikalisiert“, wo er doch eigentlich nur sein Gebet verrichten wollte.

Klar ist jedoch, dass diejenigen, die Islam mit Gewalt in Verbindung bringen, im Irrtum liegen und nur wenig Kenntnis über den Islam besitzen.

Der Islam verbietet nämlich jegliche Art von Terror und gebietet ein Leben in Frieden mit seinen Mitmenschen. So heißt es im Heiligen Qur‘an, Sura 28, Vers 78:

„[…] und tue Gutes, wie Allah dir Gutes getan hat; und begehre nicht Unheil auf Erden, denn Allah liebt die Unheilstifter nicht.“

 

Beten in der Schule ist gescheiterte Integration?

Die AfD Wuppertal schreibt auf Facebook: „(…) diese offen demonstrierte Integrationsunwilligkeit (der betenden Schüler, Anm. d. Red.) ist ein weiterer Beweis für eine krachend gescheiterte Migrationspolitik der Altparteien.“

Was bedeutet denn Integration? Trägt ein Gebetsverbot in der Schule etwa zur Integration bei? Bedeutet dies etwa einen Fortschritt für die Migrationspolitik? Sicherlich nicht. Integration bedeutet, den größtmöglichen Beitrag für die Gesellschaft und seine Mitmenschen und Nachbarn zu leisten, damit das Miteinander auf eine bessere Art und Weise möglich ist, dazu beizutragen, dass wir in Deutschland friedlich zusammenleben können. Integration heißt, sich gegenseitig zu schätzen, andere zu tolerieren, zu respektieren und zu akzeptieren. Integration heißt, die Gesetze des Landes, in dem man lebt, einzuhalten und mit seinen bestmöglichen Kräften zum Fortschritt seines Landes beizutragen. Und all dies gerade aus der religiösen Verpflichtung heraus, denn der Heilige Prophet MuhammadSAW sagte:

„Vaterlandsliebe ist Teil des Glaubens“

Demnach ist es die Pflicht eines aufrichtigen Muslims, dass er das Grundgesetz achtet, sich in sein Land integriert und seiner Heimat dient, denn nur so kann die Liebe zum Land ausgedrückt werden.

 

Wieso unbedingt in der Schule beten?

Zunächst einmal stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Schule für muslimische Schülerinnen und Schüler hat. Über die Wichtigkeit der Bildung heißt es in einer Überlieferung des Heiligen Propheten MuhammadSAW:

„Wissen zu erwerben ist für jeden Muslim und jede Muslima Pflicht“

Muslimen wird ebenso im Heiligen Qur’an gelehrt, folgendes Gebet zu sprechen:

„O Allah, mehre mich an Wissen“ (Sure 20, Vers 115)

Demnach spielt Bildung für Muslime eine noch bedeutendere Rolle, da sie überdies Teil des Glaubens ist. So ist ein wahrer Muslim auch daran interessiert, sein Wissen zu erweitern.

Ein gläubiger Muslim geht also primär in die Schule, um etwas zu lernen. Wieso will er dann in der Schule beten? Und kann er das nicht erledigen, wenn er zu Hause oder in der Moschee ist? Die Antwort darauf erfährt man, wenn man sich über die Gebetszeiten im Islam informiert. Muslime beten fünf Mal täglich, und zwar zu ganz bestimmten Zeitpunkten: Das Morgengebet (Fajr) wird beispielsweise vor Sonnenaufgang verrichtet, während das Abendgebet (Ishaa) nach Sonnenuntergang verrichtet wird. Für muslimische Schülerinnen und Schüler stellt aber meist die Einhaltung der Mittagsgebete (Sohr- und Aßr-Gebet) eine Herausforderung dar.

Diese müssen nämlich noch vor Anbruch der Abenddämmerung verrichtet werden. Da es aber besonders in der Winterzeit sehr schnell dunkel wird und die Schüler sich meistens noch in der Schule befinden, wenn sie lange Schule haben, ist es nicht möglich, das Gebet zu Hause zu verrichten.

Im Sommer, wo die Tage länger sind, stellt dies für die muslimischen Schülerinnen und Schüler kein Problem dar. Da können sie zuhause oder in der Moschee beten.

 

Beten, so wichtig?

Für Muslime ist das Gebet sehr wichtig. Die Tatsache, dass die Nachfrage nach einer Möglichkeit für die ungestörte Verrichtung des Gebetes besteht, bestätigt die Relevanz des Gebets für muslimische Schülerinnen und Schüler. Es ist auch Realität, dass viele Schüler Diskriminierungserfahrungen am eigenen Leibe machen und infolgedessen lernen und damit aufwachsen, dass ihr Glaube gesellschaftlich nicht toleriert und sowohl auf Seiten der Lehrer, als auch auf Seiten der Schüler missverstanden wird. Und diese Ausgrenzungserfahrungen beherbergen in Wahrheit das Potenzial zur Annahme radikaler Tendenzen. Statt also über Verbote zu diskutieren, sollte man dort ansetzen, dass man nach Lösungen für dieses Diskriminierungsproblem sucht und dadurch den Heranwachsenden ein Weltbild der gesellschaftlichen Toleranz und des Respektes mitgibt.

Wir sehen, dass es im Allgemeinen meist nur die Muslime sind, die so viel Wert auf das Gebet, die Kontaktpflege zu Gott, legen, dass sie auch in der Schule nicht das Gebet vernachlässigen wollen. Es ist nämlich für einen gläubigen Muslim Pflicht, fünf Mal am Tag zu beten. So heißt es im Heiligen Qur‘an:

„Siehe, Ich bin Allah; es ist kein Gott außer Mir. Darum bete mich an und verrichte das Gebet zu Meinem Gedächtnis.“ (Sure 20, Vers 15)

An einer weiteren Stelle heißt es:

„O mein lieber Sohn, verrichte das Gebet und gebiete Gutes und verbiete Böses und ertrage geduldig, was dich auch treffen mag. Das ist fürwahr ein Merkmal einer festen Gemütsart.“ (Sure 31, Vers 18)

Über die Wichtigkeit des Gebets sagt der Heilige Prophet MuhammadSAW:

„Das Gebet ist die Säule der Religion“

Muslime beten im Gebet nicht nur für ihre eigene Rechtleitung, sondern auch für die der ganzen Menschheit. Der Islam lehrt den Muslimen für den Weltfrieden zu beten. Das geht sogar über den Schulfrieden hinaus. Wie kann dann ein Gebet als bedrohlich oder provokant wahrgenommen werden, außer durch Unkenntnis? Die wahre Philosophie des Gebets sei an folgendem Beispiel veranschaulicht: Jedes Gebet endet damit, dass der Betende nach rechts und links die Frohbotschaft „Assalamo Alaikum wa rahmatullah“ (Friede Sei mit Euch und die Gnade Allahs) an seine Mitmenschen weitergibt. Somit sollte niemand Angst davor haben, dass ein Muslim in der Schule betet.

Man merkt, wie stark die Gesellschaft gespalten ist, wenn über solche Kleinigkeiten, wie „provozierendes Gebet“ und eine potenzielle „Gefährdung“ des Schulfriedens diskutiert wird. So etwas fördert den Frieden nicht, sondern schadet diesem.

„Statt Mauern zu errichten, die uns trennen, sollten wir Brücken bauen, die uns einander näherbringen.“ 

(Hadhrat Mirza Masroor Ahmad, Kalif der weltweiten Ahmadiyya Muslim Jamaat)