Die Helfer des Königs der Feder.

Das Fasten im Ramadhan aus medizinischer Sicht

„Ernsthaft?! Du darfst 16 Stunden nichts essen und trinken?! Das kann beim besten Willen nicht gesund sein.„
„Ich würde das keine zwei Tage durchhalten.“
„Den ganzen Tag nichts trinken? Das ist doch schädlich für den Körper!„

 

Sicher kennen viele praktizierende Muslime die verwunderten Bemerkungen in Bezug auf den islamischen Fastenmonat Ramadhan. Nicht ganz zu Unrecht, denn der Gedanke daran, dem eigenen Körper und Geist das elementar lebensnotwendige vorzuenthalten, nämlich das Essen und Trinken, lässt zwangsläufig die Frage aufkommen, ob sich Fastende damit einen Gefallen tun, oder ob dem eigenen Körper nicht sogar Schaden zufügt wird.

 

Das Fasten – ein Relikt der Antike oder eine Erfindung der Neuzeit?

 

Ganz allgemein gesprochen bezeichnet das deutsche Wort „Fasten“ den „partiellen oder vollständigen Verzicht auf Nahrung für einen bestimmten Zeitraum“1. Meistens geht mit dem Verzicht auf Nahrung auch ein Verzicht auf alle möglichen Arten von Genuss im weitesten Sinne einher. Betrachtet man die Geschichte der Menschheit, so lässt sich feststellen, dass sich das Fasten in den unterschiedlichsten Prägungen in zahlreichen Kulturen und Religionen wiederfindet.

 

Bereits im antiken Griechenland kannte Mediziner das Fasten als Heilmethode. So wird dem berühmten Arzt des Altertums Hippokrates von Kos, nach welchem der „Hippokratische Eid“ benannt ist, das folgende Zitat zugeschrieben: „Sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübung […] und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei.“

 

Auch in den buddhistisch geprägten Kulturen im asiatischen Raum kennt man das Fasten als religiöses Ritual zur Steigerung der Achtsamkeit bei der Meditation und als Mahnung vor dem maßlosen Umgang hinsichtlich der Nahrungszufuhr. 2

 

In der westlichen Hemisphäre ist sicher die christliche Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Gründonnerstag jedem Bürger ein Begriff. Zwar ist hier der Nahrungsverzicht nicht derart streng reglementiert wie zum Beispiel im Islam oder im Hinduismus, zweifelsohne ist das Fasten aber auch im Christentum eng mit Besinnung, Einkehr, Intensivierung von Gebeten und einer verstärkten Wohltätigkeit verknüpft. Betrachtet man die religiösen und kulturhistorischen Gemeinsamkeiten der Fastenzeiten in den verschiedenen Epochen und Gesellschaften der Menschheit, so lässt sich immer eine Gemeinsamkeit erkennen: der Verzicht auf Nahrung ist kein Selbstzweck, keine selbst auferlegte Askese für die bloße Geißelung des menschlichen Körpers – das Fasten hat immer das Ziel, den Menschen zur Mäßigung, zur inneren Einkehr, zur Auseinandersetzung mit seinem Selb anzuleiten.

 

Obgleich der Mensch das Fasten schon seit Jahrtausenden als Instrumentarium der Selbstreinigung und Selbsterfahrung kennt, sind dessen wissenschaftliche Hintergründe erst in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt.

 

Das Intervallfasten – eine Antwort auf das Überangebot an Nahrung

 

Ein medial geprägtes Schlagwort ist das „Intervallfasten“, dem zahlreiche positive Auswirkungen auf die Gesundheit zugeschrieben werden. Beim sogenannten Intervallfasten „dauern [die Nahrungspausen] je nach Modell zwischen 16 Stunden und zwei Tagen. Die Pläne reichen von Fasten an jedem zweiten Tag, dem ‚Alternate Day Fasting‘ bis zur ‚Fünf-zu-Zwei-Diät‘. Hier soll an zwei Tagen in der Woche nur maximal 20 bis 25 Prozent der benötigten Kalorien gegessen werden.“ Der Nahrungsverzicht solle mindestens 16 Stunden betragen, da erst ab dieser Zeitspanne die physiologischen Mechanismen greifen, denen ein positiver Beitrag zur körperlichen und geistigen Gesundheit des Fastens zugeschrieben werden. 3

 

Der Wirksamkeit dieser Fastenmethode bezieht sich auf folgende Annahme: biologisch betrachtet hat sich der Mensch in den letzten zehntausend Jahren in den grundlegenden Mechanismen seiner physischen Existenz nur wenig verändert. Die Einführung oder Entdeckung bahnbrechender Überlebensmechanismen wie Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht sorgten für eine halbwegs stabile Überlebensgrundlage, die den Selektions- und Anpassungsdruck an die Widrigkeiten der Natur zumindest milderte.4

 

Der Körper des Menschen ist grundsätzlich so konzipiert, dass er lange Zeiträume ohne konstante Nahrungszufuhr gut überstehen kann, ohne schwerwiegende gesundheitliche Einschränkungen befürchten zu müssen. Zweifelsohne ist die heutige Situation in den entwickelten Industrienationen und Schwellenländern in Hinblick auf das permanente Überangebot an Nahrung in der Geschichte der Menschheit einmalig. Nicht nur müssen wir uns im 21. Jahrhundert durch bahnbrechende technische, industrielle und medizinische Entwicklung der vergangenen 150 Jahren keine Sorgen mehr um den kurzfristigen Erhalt unserer Nahrungszufuhr machen, vielmehr sind wir heute in der außergewöhnlichen Situation, dass ein Überangebotan Nahrung besteht, der den täglichen Energiebedarf theoretisch um das Vielfache decken könnte. Jedoch ist diese maßlose Nahrungsaufnahme für den menschlichen Körper kein natürlicher Zustand und soll durch das (Intervall)fasten gezügelt werden.

 

Exkurs: Der Zucker und die Grundlagen der Ernährung

 

Auf den ersten Blick scheint es ein wenig widersprüchlich, dass gerade das Zuwiderhandeln gegen den ureigenen Trieb des Menschen, nämlich der Selbsterhaltung durch die Nahrungszufuhr, für Körper und Geist gesund sein soll. Schließlich ist die Nahrung ein wichtiger Energielieferant des menschlichen Körpers.

 

Das Gehirn und die Muskulatur sind auf permanente Energiezufuhr aus dem Blut angewiesen. Aufgrund des permanent vorhandenen Nahrungsangebotes sind wir heute in der Lage, unserem Körper ständig Energie in Form von leicht verdaulichen Zuckermolekülen/Kohlenhydraten in Form von Teigwaren, Nudeln, Süßspeisen aller Art zur Verfügung stellen zu können.[Kohlenhydrathaltige Speisen machen einen großen Teil unserer Energiezufuhr aus. Kohlenhydratesind molekulare Verbindungen aus Kohlenstoff und Wasser(stoff), die inunterschiedlich komplexer Struktur in der Natur anzutreffen sind und Energielieferanten für den Körper darstellen. Im Allgemeinen sind sie auch als „Zucker“ bekannt. Die Kohlenhydrate mit der einfachsten Struktur, die vom Körper auch am schnellsten verwertet werden können, sind die sogenannten „Einfachzucker“, zu denen der Haushaltszucker (Saccharose), Traubenzucker(Glucose) sowie der Fruchtzucker (Fruktose) gehören. All diesen einfachen Zuckerarten ist gemein,dass sie süß schmecken und vom Körper schnell verwertet werden können, was zur Folge hat, dasssie schnell vom Dünndarm ins Blut gelangen, um dort vor allem dem Gehirn und der Muskulaturals Energielieferanten zur Verfügung stehen.]

 

Der aus diesen leicht verdaulichen Nahrungsmitteln resultierende schnelle Blutzuckeranstieg führt im Gehirn unter anderem zu einer schnellen Ausschüttung von Dopamin, dem Botenstoff, der maßgeblich für das Glücks- und Befriedigungsgefühl zuständig ist.5

 

Evolutionsbiologisch betrachtet macht diese Kopplung von Zucker und Glückshormon-Ausstoß im Gehirn durchaus Sinn. Es wird angenommen, dass durch diese Querverbindung der Mensch in früheren Zeiten motiviert wurde, sein Fortbestehen durch die Zufuhr süßer Nahrungsmittel wie Früchte zu sichern. Ähnlich verhält es sich mit der Fortpflanzung des Menschen – Sex ist einer der stärksten Auslöser für die Glückshormonausschüttung im Gehirn. Die Ausschüttung von Glückshormonen motiviert den Menschen, seinem grundlegendsten Instinkt nachzugehen – dem Verlangen der Arterhaltung. Dieser Exkurs in die Funktionsweise des menschlichen Belohnungssystems ist nicht nur in Hinblick auf unser Essverhalten von immenser Bedeutung, auch für das Verständnis der islamischen Lebenspraxis spielt das Dopamin gesteuerte Belohnungssystem, bzw. die langfristige und nachhaltige Modulation desselben eine immense Rolle.6

 

 

 

 

Medizinische Studien über die Vorteile des Fastens

 

Durch den länger andauernden Verzicht von Nahrung ist der menschliche Körper gezwungen, auf andere Mechanismen der Energiebereitstellung, als auf die Zufuhr von Zucker von außen, zurückzugreifen. Durch das Fasten wird der Körper veranlasst, seine Speicherenergie in Form von Zucker- und Fettverbindungen in der Leber sowie seine Energiedepots im Fettgewebe anzugreifen, um die Energiebereitstellung des Gehirns und der Muskulatur zu sichern. Während langer Hungerperioden ist der Körper außerdem gezwungen, alles, was er in Energie verwandeln kann, zu verwerten. So kann man auf zellulärer Ebene beobachten, dass das Fasten die „Selbstverdauung“ von Zellen, die sogenannte „Autophagie“ aktiviert und Zellen veranlasst, nicht mehr benötigte oder schädliche Ablagerungen, die in der Zelle lagern, zu verwerten und in Energieträger umzuwandeln. Dieser Effekt konnte in einer Studie aus dem Jahr 2010 vor allem in bestimmten Neuronen, also Nervenzellen des Gehirns, nachgewiesen werden.7

 

In einer weiteren Studie aus dem Jahr 2010 konnte außerdem in Versuchen mit Mäusen gezeigt werden, dass intermittierender Nahrungsentzug in der Gruppe von Mäusen, die Sterblichkeitsrate nach Schlaganfällen verringert wurde. Außerdem konnte eine Hochregulation von Proteinen, die die Nervenzellen nach Beschädigung schützen, beobachtet werden.8

 

Insbesondere die Aktivität von Entzündungsvorgängen und den daran beteiligten Molekülen im menschlichen Körper kann durch (intermittierendes) Fasten signifikant beobachtet werden. Auch positiven Auswirkungen auf den Blutdruck, den Blutzuckerspiegel, die Sensitivität des Körpers für das Zucker verarbeitende Hormon Insulin, sowie die Zusammensetzung und Verteilung von Fetten im Blut durch das Fasten konnten erklärt werden. Über diesen Mechanismus, nämlich der nachhaltigen Modulation von Blutzucker- und Blutfettwerten scheint das Fasten auch positive Auswirkungen auf das Risiko für Erkrankungen des Herzkreislaufsystems zu besitzen. 10

 

Die Flüssigkeitszufuhr im Ramadhan

 

Eine häufig aufkommende Frage in Bezug auf das Fasten im islamischen Monat Ramadhan ist, wie sich die fehlende Flüssigkeitszufuhr auf den Körper auswirkt. In Bezug auf diesen Punkt gibt es zwar noch keine Vielzahl an aussagekräftigen Studien, in einer Arbeit aus dem Jahr 2003 konnte aber festgestellt werden, dass trotz des relativen Wassermangels tagsüber während der Fastentage, gesamtheitlich keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen für den Wasserhaushalt des Körpers bestehen. 11Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass nur körperlich gesunde Menschen fasten sollten, wie es in den islamischen Lehren vorgesehen ist.

 

Im Heiligen Koran ist in Sure 2, Vers 185 daher in Bezug auf das Fasten folgende Anweisung gegeben:

„[..]eine bestimmte Anzahl von Tagen. Wer von euch aber krank oder auf Reisen ist, (der faste) an ebenso vielen anderen Tagen; und für jene, die es schwerlich bestehen würden, ist eine Ablösung: Speisung eines Armen.“

 

Der Islam ist eine Religion des mittleren Weges, daher weist Allah den Menschen in Sure 2 Vers 287 darauf hin, dass er niemanden über seine Kapazitäten beansprucht:

 

„Allah belastet niemanden über sein Vermögen. Ihm wird, was er verdient, und über ihn kommt, was er gesündigt. ‚Unser Herr, strafe uns nicht, wenn wir uns vergessen oder vergangen haben; unser Herr, lege uns nicht eine Verantwortung auf, wie Du sie denen auferlegtest, die vor uns waren. Unser Herr, bürde uns nicht auf, wozu wir nicht die Kraft haben, und lösche unsere Sünden aus und gewähre uns Vergebung und habe Erbarmen mit uns; Du bist unser Meister; also hilf uns wider das ungläubige Volk.’“

 

Insofern sollte sich immer vor Augen gehalten werden, dass das Fasten zwar grundsätzlich jedem erwachsenen Menschen vorgeschrieben ist, daraus aber kein gesundheitlicher Schaden erwachsen darf, da eine Selbstschädigung nicht dem Willen Gottes entspricht. So sind alte und auf Medikamenten angewiesene Menschen von der Pflicht des Fastens befreit. Genau wie Kinder, Schwangere, stillende Mütter und weitere körperlich und geistig eingeschränkte Menschen.

 

Auswirkungen des Fastens auf die Psyche

 

Nicht nur die körperlichen Aspekte des Fastens sind interessant, auch die Auswirkungen auf die Psyche des Menschen soll im Folgenden kurz Beachtung finden. Wie eingangs erwähnt, sind insbesondere zwei Hormone maßgeblich für das psychische Befinden des Menschen: Serotonin und Dopamin. Während Dopamin vor allem im Belohnungssystem des Gehirns eine Rolle spielt und maßgeblich für Antrieb, Motivation, Selbstbewusstsein und Leistungsfähigkeit verantwortlich ist, sorgt das Hormon Serotonin für innere Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und Harmonie. Interessanterweise konnte in einer Studie aus dem Jahr 2017 gezeigt werden, dass während des Fastens im Ramadhan die Konzentration des Hormons Serotonin im Blut signifikant ansteigt. Dies könnte ein Hinweis für die positiven psychischen Effekte sein, von denen viele Fastende nach einigen Tagen berichten. Häufige Beschreibungen sind eine stärkere innere Gelassenheit und ein allgemeines Gefühl der „Leichtigkeit“.12

 

Schlusswort

 

Aus medizinischer Sicht erscheinen viele islamische Regularien und Vorschriften auf den ersten Blick nur wie Rituale, deren einziger Sinn und Zweck lautet, dem Gläubigen eine Struktur und einen Leitfaden für sein Leben zu liefern. Auf den zweiten Blick bieten aber genau jene Vorschriften bei nüchterner und auch kritischer Betrachtung belegbare gesundheitliche Vorteile, wie aus den angeführten unabhängigenStudien zu entnehmen ist.

 

Quellen:

1 Duden
2 http://www.urbandharma.org/udharma3/eating.html
3 https://www.bzfe.de/_data/files/online_spezial_7_2017_intervallfasten.pdf
https://www.psychologytoday.com/us/blog/the-scientific-fundamentalist/200810/why-human-evolution-pretty-much-stopped-about-10000-years
5 https://www.ksta.de/interview-zucker-setzt-dopamin-frei-5543544
https://www.researchgate.net/profile/Stephanie_Cacioppo/publication/285974129_Social_neu roscience_of_love/links/5854112208ae77ec37045847/Social-neuroscience-of-love.pdf
7 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3106288/
8 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2844782/
9 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23244540
10 http://(https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4257368/#b8-ijhs-8-3-v(https://www.ncbi.nlm.nih.gov/core/lw/2.0/html/tileshop_pmc/tileshop_pmc_inline.htmltitle=Click%20on%20image%20to%20zoom&p=PMC3&id=3946160_nihms551820f2.jpg)
11 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14681711
12 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5505095/

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