Die Helfer des Königs der Feder.

Ein Moment der Stille

14 Uhr. Freitag, der 07. April 2017. Ein spannungsloser Freitagmittag. Die warme Sonne scheint, ein kühler Wind weht – eine unheimliche Mischung. Das muslimische Freitagsgebet endet. Arbeiter freuen sich auf das Wochenende. Alles scheint zu ruhen. Keine Hektik, wenige Sorgen. Das Leben spielt sich in Zeitlupe ab, obwohl der Zeiger der Uhr unermüdlich weiter tickt.

Für einen kurzen Moment scheint der Weltfrieden gefunden. Syrien ist weit entfernt. Trumps Hassparolen verstummt. Ein seltsamer Gedanke. Utopisch? Definitiv. Töricht? Wohl wahr. Trotzdem liegt ein Hauch von Frieden in der Luft. Fast wie der Nebel an einem frühen Morgen die Wälder durchzieht und die Städte in weiße Watte packt.

Paris: 7. Januar 2015, Brüssel: 22. März 2016, Berlin: 19. Dezember 2016, London: 22. März 2017. Keiner dieser Tage ist vergessen. Der Terror ist zum Greifen nah. Aber an diesem Freitagmittag scheint er trotzdem weit entfernt. Das Problem eines Anderen, mich betrifft er nicht.

15 Uhr. Freitag, der 07. April 2017. Der Radiosender unterbricht sein Musikprogramm. Eilmeldung! Tote und Verletze in Stockholm. Die Lage ist unübersichtlich. Etwas ist passiert. Der Moderator hält kurz inne. Ich schalte das Radio aus. Es trifft mich wie ein Blitz. Die kindliche Vorfreude auf das Wochenende ist verflogen. Die Berichterstattung im Radio verfolge ich nicht weiter. Ich spreche ein stilles Gebet. Ein Gefühl macht sich in mir breit – ich kenne es gut. Dasselbe Gefühl, das ich bereits nach Paris, Berlin oder London hatte. Es ist eine Mischung aus Trauer um die Opfer, Unverständnis für den Schuldigen dieser Tat, Angst vor den Blicken der Gesellschaft und schließlich Wut auf die Konsequenzen, die diese Tat mit sich ziehen wird.

16 Uhr. Freitag, der 07. April 2017. Mittlerweile ist die Meldung überall. Ein LKW ist in eine Menschenmenge gefahren. Ich hoffe weiterhin, dass es sich um einen Unfall handelt. Dass es keine Verletzten gibt. Dass es ein tragisches Unglück ist. Die Angst wird größer, dass es sich um einen Anschlag mit vermeintlich muslimischen Absichten handelt.

17 Uhr. Freitag, der 07. April 2017. Vom unbeschwerten Freitagnachmittag ist nicht mehr viel übrig geblieben. Selbst die letzten Strahlen der Sonne schaffen es kaum durch die dicke Wolkendecke. Die Politik hat gehandelt. Premier Stefan Löfven spricht von einem Angriff und von Terror. Das Netz tobt. Der Schuldige scheint auf den sozialen Netzwerken schnell gefunden: Der Islam – mal wieder. Meine größte Angst wird wahr.

Martina M. schreibt auf Facebook: „Aufgrund der Zahl der Muslime wird es in Schweden den Frieden langfristig nur zu den Bedingungen des Islam geben. Was das für die bürgerliche und religiöse Freiheit in dem Land bedeutet mag sich jeder selbst überlegen!

Adalbert Z. schreibt auf Facebook: „Die Religion des Friedens ist wieder unterwegs!

Warum wird wieder der Islam beschuldigt? Wieso stellen Menschen nun erneut alle Muslime unter einen Generalverdacht? Ist die Tat eines Einzelnen oder einer kleinen Minderheit überhaupt repräsentativ für den Glauben und die Handlungen der Mehrheit?

Vielleicht sollte ich aufgeben, nach Antworten auf diese Fragen zu suchen. Wen werden sie in einer solch tragischen und emotionalen Lage überhaupt umstimmen können? Vielleicht kann ich dadurch zumindest mein eigenes Gewissen beruhigen – nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein.

18 Uhr. Freitag, der 07. April 2017. Videos von der Tat verbreiten sich zunehmend über das Internet. Man sieht Menschen, die panisch um ihr Leben rennen. Alleine beim Zuschauen ergreift mich die Angst erneut. Die User im Netz sind sich sicher, im Islam den Sündenbock gefunden zu haben – zu diesem Zeitpunkt liegen weder offizielle Stellungnahmen seitens staatlicher Behörden, noch Bekennerdokumente von andern Organisationen vor, die Rückschlüsse auf das Motiv der Tat schließen lassen. Trotzdem scheinen sich die Menschen einig: die Muslime sind schuldig!

Ich bin verwirrt. Vor wenigen Stunden war ich doch noch auf dem Freitagsgebet, habe mich auf das Wochenende gefreut und mich über das Wetter geärgert. Nun soll ich wegen meines Glaubens ein Mörder und Terrorist sein? Wie kann es sein, dass ein Mensch in Schweden eine solch grausame Tat verübt und ich mit diesem Menschen unter einen Hut gesteckt werde?

Wieso wird dieser Mensch überhaupt in erster Linie als Muslime bezeichnet? Verstößt er nicht gegen alle Prinzipien des Islam?

Stiftet kein Unheil auf Erden.

(Der Heilige Qur’an 2:12)

Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet.

(Der Heilige Qur’an 5:33)

„und ihr sollt nicht das Leben töten, das Allah unverletzlich gemacht hat“

(Der Heilige Qur’an 6:152)

Ob ich nun Antworten auf meine Fragen finde oder nicht, spielt in diesem Moment wohl keine Rolle mehr. Das Gefühl von Trauer, Unverständnis, Angst und Wut bleibt bestehen. Die Stille des Nachmittags ist längst verflogen …

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