Die Helfer des Königs der Feder.

Eine geführte Scheindebatte

Liebe Focus-Redaktion,

soeben bin ich auf Ihren Artikel mit dem Titel „Gehört der Islam zu Deutschland“ gestoßen, welchen Sie im Rahmen einer Leserdebatte am 06.05.2016 online publiziert haben. Als gebürtiger Deutscher mit muslimischem Glauben erlaube ich mir kurz zu dieser Thematik Stellung zu beziehen.

Zunächst einmal bin ich immer wieder verwundert, wie oft diese Frage aus verschiedensten Richtungen wie eine „Nebelwolke“ platziert wird, um bewusst die ohnehin unsachliche Debatte über den Islam zu fördern. In Artikel 4 des Grundgesetzes ist die Religionsfreiheit meines Wissens nach fest verankert, wie kann dann eine derartige Frage überhaupt in einer demokratischen Gesellschaft Erwähnung finden? Seit über 30 Jahre lebe ich diesem Land und beobachte wie sowohl seitens Medien, als auch Politik immer wieder die gleiche Frage aufgeworfen wird. Aus welchem Grund werden diese sinnlosen Debatten überhaupt initiiert? Merkwürdigerweise konnte ich bis heute kein einziges Mal die Frage lesen oder hören, ob der Atheismus beispielsweise zu Deutschland gehört oder nicht?

Unter dem Deckmantel Deutschland sei ein „christlich/jüdisch“ geprägtes Abendland und aus diesem Grund passe der Islam nicht in die hiesige Gesellschaft, wird die Bevölkerung bewusst an der Nase herumgeführt. Ist dem wirklich so? Am 05.05.2016 war beispielsweise für die Christen in diesem Land ein wichtiger Feiertag, die sogenannte Himmelfahrt Christi. Wenn Sie eine Schätzung vornehmen müssten, wie viel Prozent der Christen in Deutschland an diesem Tag die Kirche besucht haben, wie hoch würde die Zahl Ihrer Meinung nach ausfallen? Wenn Sie die christlichen Bürger hierzulande fragen würden, was die Himmelfahrt ist und wieso Jesus (Friede sei auf ihm) die vermeintliche Fahrt gemacht haben soll, was denken Sie, wie viele Antworten Sie erhalten würden und wie viele davon mit den Inhalten der Bibel deckungsgleich wären?

Ohne mich weit aus dem Fenster zu lehnen bin ich mir sicher, dass ich als Ahmadi Muslim zu der Kreuzigung Jesus (Friede sei auf ihm) wie sie in der Bibel beschrieben ist und auch im Heiligen Koran Erwähnung findet, mehr sagen kann als die meisten Christen hierzulande. Auch bezüglich der beiden Propheten Moses und Jesus (Friede sei auf ihnen) empfinde ich als Ahmadi Muslim eine sehr große Liebe und Ehrgefühl als viele meiner christlichen Mitbürger. Das ist zumindest meine persönliche Erfahrung gewesen in den letzten 30 Jahren welche ich sowohl in der Schule, während des Studiums gesammelt habe, als auch aktuell im Berufsleben weiterhin sammele.

Übrigens, die aktuell geführten leeren Debatten und Diskussionen rund um den Islam bestätigen und bekräftigen mich Tag für Tag in meinem Glauben. Es bestätigt sich für mich wieder und wieder, wie weit der Islam doch vor 1400 Jahren schon gewesen ist.

Nehmen Sie doch das Beispiel der Glaubensfreiheit und das Zusammenleben von Menschen verschiedenster Religionen in der frühislamischen Geschichte: Der Gründer des Islams, der Heilige Prophet Muhammad (Frieden und Segen Allahs sein auf ihm) hat z.B. die Stadt Medina als Staatsoberhaupt regiert, in der sowohl Muslime, Christen, Juden und Atheisten gelebt haben. Ich kenne keine einzige Quelle aus der hervorgeht, dass der Prophet die Frage gestellt haben soll ob das Christentum, Judentum oder irgendeine andere Religion zu Medina gehören. (Falls Sie doch eine authentische Quelle kennen, können Sie mich gerne eines Besseren belehren.)

Ich kenne zudem die Lehre des Heiligen Korans zum Thema Glaubensfreiheit, welche ebenfalls vor 1400 Jahren fest verankert wurde.

„In Glaubensdingen darf es keinen Zwang geben.“ (2:257)

Und sprich: „Die Wahrheit ist es von eurem Herrn: darum lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.“ (18:30)

Und abschließend zu Ihrer Frage: Ja, der Islam sowie jede andere Religion und auch Nicht-Religion gehören zu Deutschland. Genauso wie die Steuern, die Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge von Muslimen ebenfalls zu Deutschland gehören. Auch zu Deutschland gehört übrigens, dass Frauen mit einer Kopfbedeckung und akademischen Abschlüssen (ja diese Kombination gibt es!) schlechte bis keine Möglichkeit erhalten ihren erlernten Beruf auszuüben. Hierzulande zählt demnach nicht, was im sondern was auf dem Kopf ist, so zumindest die Wahrnehmung.

Ich stimme meinen Nichtmuslimischen Mitbürgern zu, wenn Sie gewisse Erwartungen an Muslimen hegen. Selbstverständlich müssen Muslime die Gesetze in Deutschland achten, sie sollten sich loyal zum Land zeigen und durch die Ausübung Ihrer Religion sollte sich selbstverständlich kein Mitbürger bedroht fühlen. Im Gegenteil, Muslime sollten dem Vorbild des Heiligen Propheten Muhammad folgend ihren Mitmenschen Frieden schenken. So heißt es in einer Überlieferung:

„Ein wahrer Muslim ist der, durch dessen Zunge (Worten) und seiner Hand (Taten) seinen Mitmenschen nichts unrechtes geschieht.“

In diesem Sinne würde ich mich freuen, wenn wir diese primitive und unsachliche Fragestellung endlich hinter uns lassen könnten um gemeinsam und konstruktiv die Zukunft unseres Landes zu gestalten, unabhängig von ursprünglicher Herkunft, Glauben und sonstiger Zugehörigkeit.

Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen

Shahzad Ahmad

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen