Die Helfer des Königs der Feder.

Feindbild Kopftuch – Wenn ein Stück Stoff die Gemüter spaltet

Die Kopftuchdebatte des 21. Jahrhunderts ist längst nicht mehr nur eine Angelegenheit der Religionsausübung und der persönlichen Glaubensfrage einer Muslima. Mittlerweile hat die Diskussion um die Verhüllung der körperlichen Reize einer Frau neue sozial-politische Dimensionen erreicht und nimmt Einzug in sämtliche Bereiche des Lebens. Dabei erklärte Bundeskanzlerin Merkel anlässlich des islamischen Fastenmonats Ramadhan 2015 noch: „Es ist offenkundig, dass der Islam inzwischen unzweifelhaft zu Deutschland gehört“. Wie kann es trotzdem sein, dass Menschen vor dem Kopftuch abschrecken und radikal-islamfeindliche Äußerungen in Medien und Internetforen nicht nur Gehör, sondern auch euphorischen Anklang finden?

Wurzeln der Frauenrechte im Islam

In vielen Schichten des Lebens haben es Frauen immer schon schwer gehabt, sich gegenüber Männern zu beweisen. Schon Erzählungen der Antike stellen den Mann als ein, von Gott stärker geschaffenes Geschöpf da. So handeln Sagen überwiegend von Helden mit männlichen Protagonisten. Heute noch macht sich die Ungleichberechtigung erkenntlich, nämlich wenn sich Politiker gezwungen sehen, gesetzliche Maßnahmen zu ergreifen und eine „Frauen-Quote“ in Firmen einzuführen – ein radikaler Schritt, um eine Gleichbehandlung beider Geschlechter auf beruflicher Ebene zu erreichen.

Die islamischen Lehren gehen seit Beginn an von einer selbstverständlichen, natürlichen Gleichwertung der Geschlechter aus und finden ihren Fundus im heiligen Koran. So heißt es: „Wer recht handelt, ob Mann oder Frau, und gläubig ist, dem werden Wir gewisslich ein reines Leben gewähren“ (16:98). In diesem Vers wird die geistige, spirituelle und moralische Gleichstellung von Männern und Frauen betont. Angesichts der Tatsache, dass dieser Vers herabgesandt wurde zu einer Zeit, in der Frauen in Arabien und weltweit kaum Rechte besaßen und teilweise wie Sklavinnen gehalten wurden, könnte man fast schon behaupten, die Lehren des Islams sind richtungsgebend für die Menschenrechte wie wir sie heute kennen. Der Prophet Mohammadsaw [1] setzte sich im Auftrag des Islams verstärkt für die Anerkennung der Frauenrechte ein. Zu einer Zeit in der barbarische und grausame Zustände herrschten und Männer ihre Töchter lebendig begruben, um ihren Stolz und Ruf nicht zu beschmutzen, verkündete der Prophet: „Das Paradies liegt unter den Füßen eurer Mütter!“. Er verdeutlichte die Ehre und Funktion, die einer Frau zukommt. Eine solche Funktion, die kein Mann auf Erden in dieser Form erfüllen könne. Weitere Verse des Koran belegen, wie Frauen eine Vorbildfunktion und eine ausschlaggebende Rolle für die Menschen spielen: „Gedenke, wie die Engel sprachen: O Maria, Allah hat dich erwähnt und dich erkoren aus den Frauen der Völker.“ (3:43)

Es zeigt sich, dass die Muslima schon immer eine einzigartige Rolle im Geschlechterverhältnis besaß und genau wie der Mann spezielle Rechte und Pflichten zugeteilt bekommt. Frauen werden im Islam Privilegien zugeschrieben, welche erst sehr viel später in der westlichen Gesellschaft etabliert wurden. So unter anderem auch das Recht auf die ehrenhafte und anerkannte Trennung/Scheidung vom Mann („Khula“) – ein Recht, welches in Europa erst Jahrtausende später eingeführt wurde.

Das Kopftuch – Symbol der Gottesliebe

Alleine der Gedanke, die Muslima sei die Vorreiterin der Frauenrechte erscheint wohl manch einem Menschen absurd und töricht. Hört man doch immer wieder auf medialem Wege, wie Frauen sich durch das Kopftuch eingeschränkt fühlen müssen und unter einer allgegenwärtigen Unterdrückung in allen Bereichen des Lebens leiden. Doch sollte man sich vorher nicht die Frage stellen, aus welchem theologischen Standpunkt die Verhüllung des Körpers begründet wird?

„O Prophet! Sprich zu seinen Frauen und deinen Töchtern und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen ihre Tücher tief über sich ziehen. Das ist besser, damit sie erkannt und nicht belästigt werden. Und Allah ist allverzeihend, barmherzig.“ (33:60)

Das Kopftuch hat im Islam zwei wesentliche Funktionen zu erfüllen. Zum einen besitzt das Kleidungsstück einen starken symbolischen Wert. In einer (pluralistischen) Gesellschaft hebt sich die Muslima in der Menschenmenge ab und macht sich als religiöse Frau mit besonderen moralischen Werten kenntlich. Zu diesen Werten zählt die Treue gegenüber Allah, ihre Gottergebenheit und der Wunsch nach einer lebendigen Beziehung zu Gott – das Ziel eines jeden gläubigen Muslimen. Die zweite Funktion beinhaltet den Schutz vor weltlichen Verführungen. Die Verschleierung der körperlichen Reize schützt die Frauen vor den lüsternen Blicken der Männer. Zu einer aktiven Beziehung zu Gott zählt nämlich auch, sich nicht von ungezügelten Trieben lenken zu lassen. Allein aus den Lehren des Korans lassen sich keine Schlüsse ziehen, dass das Kopftuch einer Frau einen geringeren Wert gibt. Vielmehr gilt es als Mittel zur Herstellung einer zivilisierten Gesellschaft.

Das Prinzip der Keuschheit und die Kontrolle der menschlichen Triebe durch die Verhüllung ist kein rein muslimisches Prinzip. Auch andere Weltreligionen, wie das Christentum und das Judentum lehren der Frau, sich nicht freizügig in der Öffentlichkeit zu zeigen. Jeder der eine Statue der Mutter Maria schon einmal gesehen hat, dem wird wohl nicht entgangen sein, dass sie ebenfalls eine Kopfbedeckung und weite Gewänder trug. Gilt hier ebenfalls der Vorwurf, dass sie unterdrückt war?

„Parda“ für beide Geschlechter

Immer wieder sind die Vorwürfe präsent, der muslimische Mann könne wie ein Tier triebhaft seinen Bedürfnissen nachgehen, während die muslimischen Frauen strikte Verhüllungsgebote unterlegt seien. Doch ist es nicht nur die Frau, die das Parda (wörtl. Vorhang) einhalten sollte. Auch der Mann ist aufgefordert eine besondere Kleidervorschrift einzuhalten, um das andere Geschlecht vor unnötigen Verführungen und unkeuschen Gedanken zu bewahren. Auch hier gilt die Beziehung zu Gott als oberstes Gebot. Weitergehend fordert Allah im Heiligen Koran auf, „dass sie (Männer) ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen. Denn, das ist reiner für sie.“ (24:31). Diese Verhaltensaufforderung hilft dem Mann seine Blicke nicht ungezügelt auf fremde Frauen zu richten. Aus dem Koran lassen sich somit Rechtleitungen für beide Geschlechter entnehmen. Das Parda-Gebot ist nicht nur für die Frau gültig.

Kopftuch im Westen

Die TNS Infratest Politikforschung führte 2014 eine Umfrage zum Thema der Akzeptanz des Kopftuches im öffentlichen Leben durch. Befragt wurden rund 700 Deutsche ab dem Alter von 14 Jahren. Die repräsentative Studie belegt, dass gerade mal 7% der Befragten das Tragen eines Kopftuches als „gut“ empfinden. Knapp ein Drittel der Befragten nehmen eine negative Haltung zum Kopftuch ein. Vor allem in der Öffentlichkeit sei das Kopftuch nur so lange geduldet, wie sich der Mensch nicht direkt damit konfrontiert sehe. So kann sich die Mehrheit der Befragten nicht mit einer verschleierten Lehrerin oder einer Nachrichtenmoderatorin mit einem Kopftuch anfreunden. Woher kommt diese „Tabu-Einstellung“ der Mehrheit, wenn es doch eigentlich um nichts Weiteres geht, als ein Stück Stoff über dem Kopf?

Die Ängste vor dem Unbekannten scheinen dabei eine tiefgreifende Rolle zu spielen. Kaum einer kennt sich mit den Lehren des Islams wirklich aus. Medial verbreitete Meinungen werden ohne zu reflektieren übernommen. So gilt das Kopftuch schnell als Zeichen der Unterdrückung der Frau durch den Mann. Beliebt bei diesem Thema ist es, Beispiele aus Ländern des Nahen Ostens heranzuziehen. Frauen bekommen in Ländern wie Saudi-Arabien oft nicht die gleichen Rechte wie Männer zuteil und leiden tatsächlich oft unter einer Ungleichberechtigung. Schnell ist man dabei, dem Islam die Schuld zu geben, da es sich hierbei doch um sogenannte „muslimische Länder“ handle. Problematisch an diesen Beispielen ist jedoch (und dies wird nicht oft genug beleuchtet), dass vielen Menschen im Nahen Osten in traditionsdurchtränkten Gesellschaften leben. Es fließen traditionelle und patriarchalische Werte ein, die sich über Generationen hinweg in der Gesellschaft fest etabliert haben und mit eigenwilligen Auslegungen des Korans begründet werden. Somit sei an dieser Stelle gesagt, dass man zwischen den Lehren des Islams und dem Handeln von „Muslimen“ differenzieren sollte, statt falsche Schuldzuweisungen zu machen.

Durch zahlreiche rechtliche Verbote in westlichen Ländern wird das offene Miteinander von unterschiedlichen Menschen behindert. So dürfen Schulen in Deutschland ihren Lehrerinnen verbieten, ein Kopftuch zu tragen (Kopftuchurteil vom März 2015). In der Schweiz dürfen Moscheen nicht weiter mit Minaretten versehen werden (Minarettverbot 2009). Die Politik trägt daher beim Schnüren neuer Ängste der Menschen bei. Vor allem die deutsche Regierung sollte doch wissen, dass Kompromisse und Dialoge sehr viel effektiver sind als Verbote. Zumal da der unwissende Bürger den einfachen Gedankengang geht: „Alles was verboten ist, muss auch schlecht sein!“. Wo durch die Politik eine Lösung geschaffen werden sollte, entstehen tiefe gesellschaftliche Kluften. Wäre es aber nicht sehr viel schöner, Türen für neue gesellschaftliche Dialoge zu öffnen, statt sich an einem harmlosen Stück Stoff zu zerreißen?

Adel Anwar

[1] „Frieden und Segnungen Allahs seien auf ihm“

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