Die Helfer des Königs der Feder.

Mit Muslimen gegen den Islam?

Liebe Mitglieder der Identitären Bewegung,

vor einigen Tagen las ich Ihren offenen Brief an unsere Gemeinde. In der Einleitung beschreiben Sie sehr gut die aktuelle Situation in unserem Land. Auch ich sehe das Problem und bemühe mich im Rahmen meiner Gemeindearbeit seit Jahren und Jahrzehnten in Deutschland für einen vernünftigen und konstruktiven Weg. In diesem Sinne heißen wir Ihren Anspruch eines „vernunftbetonten Mittelweges“ willkommen, denn dies ist wahrlich das Gebot der Stunde.

Es stimmt, dass aktuell eher jene selbsternannten Muslime die Präsenz in unseren Medien erhalten, die nichts als Terror und Fanatismus im Sinn haben. Und es stimmt auch, dass es im Kontrast dazu auch andere Muslime gibt — die Mehrheit! — die damit nichts zu tun haben und sich auch davon distanzieren, deren Stimme aber ungehört bleibt. In diesen beiden Punkten sind wir einer Meinung. Was jedoch in Ihren Ausführungen nicht stimmt, ist Folgendes:

  1. Im Quran gibt es keine „negativen Beispiele”. Die o.g. Fanatiker und Terroristen haben nämlich eine Gemeinsamkeit mit jenen, die gerne über den Islam herziehen: Es fehlt beiden Lagern das Verständnis des Quran. Selbst diejenigen, die in den Medien als sogenannte „Islamexperten” zu Wort kommen und von einer Sendung in die nächste geladen werden und durch ihren kulturellen Hintergrund eine vermeintliche Kompetenz suggerieren, haben kaum bis gar kein fundiertes Wissen über den Islam und seine Quellen. Da wir Ihren Ansatz eines „vernunftbetonten Mittelwegs” sehr begrüßen, wollen wir zunächst einige Ihrer Missverständnisse beseitigen; ohne eine korrekte Betrachtung des Problems kann dieser Weg nämlich nicht beschritten werden.
  2. Die Aussage „Der Koran muss überarbeitet werden, denn in seiner jetzigen Fassung ist er nicht zeitgemäß und kann nicht als Leitbild taugen” ist mehr als gewagt. Und in Kombination mit Ihren Forderungen „Legen Sie öffentlich für alle sichtbar den Koran ab […]” und „[…] öffentlich den Koran einzutauschen gegen dieses, uns heilige Buch [d.h. das Grundgesetz]“ lassen — mit Verlaub! — eine große Naivität oder schlichtweg fehlende theologische Kompetenzen auf Ihrer Seite erkennen. Welchen Sinn hätte es überhaupt als Anhänger irgendeinerReligion, die sich auf eine heilige Schrift bezieht (sei es Quran, Bibel, Thora, Bhagawad Gita, Grant Sahib usw.), dieser Religion anzugehören, um das Fundament dieser Religion — eben ihre Schrift — irgendwann für nichtig zu erklären? Zudem taugt ein Heiliges Buch nichts, wenn es irgendwann nicht mehr „zeitgemäß” ist oder nicht mehr als „Leitbild“ fungieren kann. Doch genau das sind unsere Ansprüche: Der Quran ist zeitlos und seine Weisheiten sind zu allen Zeiten und unter allen Umständen gültig, anwendbar und ein Leitbild für alle, die diese Weisheiten erkennen. Dass Sie, abgesehen vom o.g. kurzsichtigen Argument, ein falsches Bild von den Lehren des Quran haben, ist natürlich schade und wir laden Sie herzlichst dazu ein, Ihre bisherige Meinung durch gründliches Studium und aufrichtigen Dialog zu überdenken.
  3. Aus Ihrem Schreiben scheint zudem ein fundamentaler Denkfehler durch, der ausformuliert wie folgt lautet: Entweder Quran oder das Grundgesetz. Seien Sie versichert, dass ein Muslim sowohl seine Religion gänzlich praktizieren, als auch zugleich ein loyaler und vollwertiger Bürger einer freiheitlich-demokratischen Nation sein kann. Gerade das Gegenteil hiervon ist aber nichtmöglich: Man kann kein vollwertiger Muslim sein, ohne sich auch als loyalen und vollwertigen Bürger zu verstehen. Der Islam gebietet die Trennung von Staat und Religion und zugleich die Loyalität zum Heimatland. Und Heimatland heißt selbstverständlich das Land der Wahlheimat, für uns also Deutschland. Ferner hat der Prophet Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) erklärt, dass die Liebe zu eben diesem Heimatland ein Teil des Glaubens sei. Wir Ahmadi-Muslime sind also nicht trotz, sondern gerade wegen unseres Glaubens treue Bürger dieses Landes und Verteidiger seiner demokratischen Grundordnung. Wir müssen also schon gar nicht den Islam ablegen, um von Ihnen oder sonst wem das Zertifikat eines „vollwertigen Teils unserer Gesellschaft” zu erhalten. Wir glauben weder daran, dass jemand die Befugnis hat, anderen solch eine Zugehörigkeit zuzusprechen bzw. abzuerkennen, noch sind wir in irgendeiner Form begierig darauf von irgendwem diese Zugehörigkeit anerkannt zu bekommen.
  4. So wie alle Religionen ihr Heiliges Buch als Quelle für Rechtleitung und unabdingbar für die spirituelle Evolution betrachten, so gilt auch der Begründer jeder Religion — in unserem Fall der Prophet Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) — stets als Vorbild. Sie sprachen ihm diese Funktion in Ihrem Schreiben ab, weil Ihr Bild vom Propheten Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) geprägt ist von falschen Behauptungen und Verleumdungen, die nicht den Tatsachen entsprechen — der Vorwurf der Pädophilie gehört übrigens auch dazu! Auch hier laden wir Sie herzlichst dazu ein, den Propheten Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) mal nicht durch die Brille der selbsternannten und inkompetenten Islamexperten oder Islamophoben zu betrachten.

Ein weiterer Punkt, der auffällt, ist die Tatsache, dass Sie uns wohl kaum zu kennen scheinen. Das wird nicht nur an den o.g. Punkten ersichtlich, sondern auch daran, dass Sie die Bemühungen unseres weltweiten Oberhauptes, dem fünften Nachfolger (arabisch: Kalif) des Gemeindebegründers, im Sinne der weltweiten Friedensstiftung und Völkerverständigung nicht studiert haben. Es stimmt zwar, dass viele „Stimmen ungehört bleiben”, aber ein mündiger Bürger sollte sich durchaus imstande sehen, auch selbst aktiv zu recherchieren, statt passiv darauf zu warten, dass die friedlichen Stimmen auch in den Medien zu Wort kommen dürfen. Für den Fall, dass Sie sich auch zu solchen mündigen Bürgern zählen, haben wir Ihnen neben diesem Schreiben auch einige Materialien als Online-Links mit Auszügen aus den Reden unseres Oberhauptes bereitgestellt. Falls Sie diese aufrichtig studieren, werden Sie schnell zu dem Ergebnis kommen, dass das von Ihnen beschriebene Schreckgespenst nichts weiter als ein Hirngespinst jener ist, die — gewollt oder ungewollt — sich nicht gründlich genug mit dem Islam und seinen Lehren befasst haben.

Zu guter Letzt sei gesagt, dass wir im Einklang mit dem Grundgesetz für die völlige Religions- und Gewissensfreiheit einstehen, so wie es übrigens auch der Quran lehrt. Allerdings widerspricht ihre Forderung dem Grundgesetz in dieser Hinsicht: Wenn Sie ihre Mitbürger nur dann als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft betrachten und mit Muslimen nur dann einen Schulterschluss eingehen wollen, sofern sie den Quran „ablegen” und von Muhammad (Friede und Segen seien auf ihm) abschwören, so kann man ihre Forderung unbeschönigt auf die kurze Formel reduzieren: „Wir erkennen Muslime nur dann als vollwertigen Teil unserer Gesellschaft an, wenn sie keine Muslime mehr sind.“. Wir hoffen, dass Sie in Wirklichkeit nicht so kurzsichtig sind, denn dann machen gerade Sie sich schuldig, im Bann einer menschenverachtenden Ideologie gefangen zu sein. Ihr Ansatz eines vernunftbetonten Mittelweges ist nämlich ein richtiger. Doch der Mensch stolpert gerne auf langen Wegen, wenn er kurzsichtig oder gar ideologisch verblendet ist.

Wir laden Sie herzlich dazu ein, mit uns in Dialog zu treten und unsere Gemeinde und den Islam besser kennenzulernen. Unsere Türen stehen allen unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern stets offen. Wir wünschen Ihnen und Ihren Liebsten besinnliche Festtage und einen gesegneten Start ins neue Jahr!

Assalamu Alaikum (Der Friede sei mit Ihnen),

Shazad Khan

 

Anlagen:

Disclaimer: Dies ist keine offizielle Stellungnahme der Ahmadiyya Muslim Jamaat KdöR.

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