Die Helfer des Königs der Feder.

Taqiyya

Taqīyya (arab.: تقية ‚„Furcht, Vorsicht“) ist ein vorzugsweise in schiitischen Gruppen geltendes Prinzip, wonach es im Falle einer religiösen Verfolgung erlaubt sei, seinen Glauben zu verheimlichen.  Das Konzept der Taqīyya ist zwar auch im sunnitischen Islam bekannt, wird jedoch weitestgehend abgelehnt. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat distanziert sich von der Vorstellung der Taqiyya und weist auf das Gebot der wahren Aussage hin.


Inhaltsverzeichnis

  1. Etymologie
  2. Grundlagen im Koran
    • Bedeutung
    • Hintergrund
  3. Wahrheitsliebe
  4. Zusammenfassung

 

Etymologie

Der Begriff Taqīyya (arabisch: تقیة) stammt aus der arabischen triliteralen Wurzel wāw-qāf-yā (w-q-y, ittaqā „Gott fürchten“) was wörtlich mit den Substantiven „Vorsicht“, „Angst“, „Umsicht“ und „Behutsamkeit“ übersetzt werden kann.  Im Übrigen entstammt der koranische Begriff Taqwā (arab.:  تقوى, „Gottesfurcht“) derselben Wortfamilie.

Ein alternativer Begriff für religiöse Dissimulation (=Verheimlichung) ist Kitmān. Beide Begriffe können zwar synonym verwendet werden, wobei der erstere Begriff (Taqīyya) im Allgemeinen für das Verheimlichen des Glaubens verwendet wird.

 

Grundlagen im Koran

Aus dem Heiligen Koran werden vorzugsweise zwei Verse zitiert, wonach das Prinzip der Taqīyya legitim sei. Dies sind zum einen der Vers 107 der 16. Sure (Al-Nahl):

„Wer Allah verleugnet, nachdem er geglaubt – den allein ausgenommen, der gezwungen wird, indes sein Herz im Glauben Frieden findet – jene aber, die ihre Brust dem Unglauben öffnen, auf ihnen ist Allahs Zorn; und ihnen wird eine strenge Strafe.“

und zum anderen der Vers 29 der 3. Sure (Al-Imrân):

„Die Gläubigen sollen sich nicht Ungläubige zu Freunden nehmen vor den Gläubigen – und wer das tut, hat nichts mit Allah –, es sei denn, dass ihr euch vorsichtig vor ihnen hütet. Allah warnt euch vor Seiner Strafe, und zu Allah ist die Heimkehr.“

Bedeutung

Die Bedeutung beider Verse soll hier aufgeführt werden.

Der Vers 107 der 16. Sure (Al-Nahl) behandelt den Fall einer Person, die ihren Glauben zurückweist.[1]  Jene Ausnahmebestimmung ist hinsichtlich des Gefährten ʿAmmār ibn Yāsir (Möge Allah Gefallen an ihm haben) offenbart worden, der durch den größten Gegner des Propheten (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) Abu Dschahl auf schlimmste Weise gefoltert und schließlich zum Abschwur des Glaubens gezwungen wurde. Eine gemeingültige Erlaubnis zu lügen ist hier sicherlich nicht gegeben. Vielmehr wird überliefert, dass Abu Dschahl die Eltern Ammārs tötete und Ammār solange folterte, bis er die Götzengötter lobte. Als sie ihn freiließen, eilte er zum Propheten (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) und schilderte die Begebenheit mit den Worten:

„Bei Allah, man ließ erst von mir ab, als ich dich im Schlechten erwähnte und ihre Götzen im Guten!“

Da sagte der Prophet (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) zu ihm:

„Und wie siehst du dich selbst?“

Er antwortete:

„Ich bin mir im Glauben sicher.“

Da entgegnete der Prophet Allahs (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm):

„Wenn sie es wieder tun, handelst du wieder so!“ [2]

Die im Vers erwähnte Ausnahme ist explizit auf diese Begebenheit zurückzuführen und stellt damit keine Sonderregelung zum Lügen dar. Im Gegenteil, jene Menschen ansprechend, die keine Kraft finden extreme Folter auszuhalten, sagt Allah weiter in Vers 111 der gleichen Sure:

„Alsdann wird dein Herr jenen, die auswanderten, nachdem sie verfolgt worden waren, und dann hart kämpften (für Allah) und standhaft blieben – siehe, dein Herr wird hernach gewiss allverzeihend, barmherzig sein.“

Es heißt, dass ein solcher Mensch bestimmte Handlungen ergreifen muss, um Gottes Vergebung zu erfahren. Solch ein Mensch sollte von einem solchen Ort auswandern und dann in der Sache Gottes streben. Ein solcher Mensch würde tatsächlich Gottes Hilfe finden.[3] Von dem sogenannten Prinzip der Taqiyya ist hier keinesfalls die Rede.

Der Vers 29 der 3. Sure (Al-Imrân) fordert die Muslime auf, sich gegen die Pläne und Hinterhalte der Gegner in Acht zu nehmen. Der Ausdruck „es sei denn, dass ihr euch vorsichtig vor ihnen hütet“ bezieht sich hierbei nicht auf die Macht der Gegner, jedoch auf die Pläne derer, vor denen sich die Muslime hüten sollen.  Hier ist in keinem Fall die Rede davon, dass ein Muslim im Allgemeinen – zwecks Vorsichtsmaßnahmen – seine wahren Absichten verbergen, gar lügen darf. [4] Es ist lediglich ein Hinweis, dass man vor den Plänen und der List der Gegner gewappnet sein soll. Würde es in diesem Fall erlaubt gewesen zu lügen, so wäre dies ein Zeichen der Ängstlichkeit und Furcht. Doch die einzige Furcht eines Gläubigen ist die Furcht vor Allah, besser bekannt als Taqwa.

Hintergrund

Selbst die quranischen Verse, welche von den Kritikern verwendet werden, zeigen auf, dass es in keinem Fall eine Legitimation für die Idee der Taqiyya gibt. Dennoch lässt sich das Konzept der Taqiyya im ausgeprägten Maße in den schiitischen Kreisen wiederfinden. Dies liegt darin begründet, dass die Schiiten im Laufe der Geschichte vornehmend in der Minderheit waren und kaum politische Macht erlangten. Ihnen war es daher nicht möglich, unter einem sunnitischen Herrscher, ihren Glauben preiszugeben und mussten diesen daher oft verstecken. Infolgedessen entwickelte sich im Zuge der Zeit das Prinzip der Taqiyya und die Vorstellung, dass in solchen Situationen das Verbergen der wahren Absichten und des Glaubens legitim sei. Weder ist dies in irgendeinem Fall erlaubt, noch wird solch eine Vorgehensweise irgendeiner islamischen Tugend gerecht

 

Wahrheitsliebe

Der Heilige Quran macht unmissverständlich und mit einem besonderen Nachdruck auf das Gebot der wahren Aussage aufmerksam. Die echte Gelegenheit, die Wahrheit zu sagen, ist eben diejenige, bei der der Verlust von Leben, Eigentum und Ehre befürchtet werden muss.

Diesbezüglich lehrt Allah folgendes:

„Seid fest in Wahrung der Gerechtigkeit und Wahrheit, und seid Zeugen nur für Gott, mag es auch gegen euch selbst oder gegen eure Eltern und Verwandten, wie Kinder gerichtet sein.“  [5]

Selbst in Situationen der Feindschaft lehrt Allah:

„Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht zur Ungerechtigkeit und Unwahrheit verleiten.“ [6]

An einer anderen Stelle sagt Allah:

„Meidet darum die Gräuel der Götzen, und meidet das Wort der Lüge.“ [7]

Ein Vers nach dem anderen unterstreicht die besondere Bedeutung der Wahrheit. Zahlreiche weitere Stellen im Heiligen Quran, die den Menschen ermahnen in jeder Situation und ungeachtet der Folgen die Wahrheit zu sprechen, könnten erwähnt werden.

Auch das Leben des Heiligen Propheten Muhammad (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) spiegelt die Einhaltung dieses essentiellen Gebots par exellence wieder.

So sagte der Heilige Prophet (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) zu einem Mann, der angab, zu viele schlechte Gewohnheiten zu besitzen, als dass er sie alle auf einmal loswerden könnte, und deshalb um eine einzige Belehrung bat, die er zu befolgen imstande sei:

„Versprich mir, dass du stets die Wahrheit sagen und niemals lügen wirst.  [8]

In einer anderen Überlieferung heißt es:

„Ehrlichkeit führt zur Tugendhaftigkeit und Tugendhaftigkeit führt ins Paradies. Und ein Mensch, der stets die Wahrheit sagt, wird bei Allah als der Wahrhaftige registriert. Und Lügen führt zur Sünde und Untugend, und die Untugend führt in die Hölle. Und ein Mensch, der unentwegt lügt, wird bei Allah als Lügner registriert.“ [9]

Im Lichte des quranischen Gebotes und der Lebenspraxis des Propheten (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) sagte der Verheißene Messias as:

„Der Heilige Qur’an bezeichnet auch die Lüge als eine Schändlichkeit. So heißt es: ´Meidet darum den Gräuel der Götzen und meidet falsche Rede. ´ (22:31)

Schaut, hier wird die Lüge einem Götzen gleichgesetzt. Und in der Tat ist die Lüge eine Art Götze. Wieso wendet sich sonst der Mensch von der Wahrheit ab und geht einen anderen Weg? So wie ein Götze auf keiner Realität gründet, so ist auch die Lüge nichts als Trug. […] Wenn ein gewohnheitsmäßiger Lügner von seiner Gewohnheit loskommen möchte, so wird ihm dies nicht auf Anhieb gelingen. Es bedarf einer beständigen Übung, um die Wahrheitstreue wiederzuerlangen.“[10]

 

Zusammenfassung

Aus alledem wird unmissverständlich deutlich, dass das Konzept der Taqiyya keine Grundlage im Islam hat, jemals hatte, noch irgendwann haben wird. Vielmehr ist ein haltloser Vorwurf der insgeheim besonders gern von Islamkritikern verwendet wird, um den Islam zu diffamieren.

 

Quellen

Der Verheißene Messias as: Mirza Ghulam Ahmad, Die Philosophie der Lehren des Islams, Verlag Der Islam, 3. Auflage, S. 103-110

Der 5. Khalifa der Ahmadiyya Muslim Jamaat: Mirza Masroor Ahmad, Die Bedingungen des Bai`at, Verlag der Islam, 1. Auflage, 2007, S. 34-41

Dr. Mohammad Dawood Majoka, Islam: Fakten & Argumente – Eine Antwort auf die Vorwürfe der AfD, Verlag der Islam, 1. Auflage, 2016, S. 64-65

modifiziert nach: https://www.alislam.org/library/articles/reply-to-allegation-that-in-islam-lying-is-permissible-for-spreading-faith-and-is-called-taqiyya/

[1] siehe „The Holy Qur´an with Short Commentary“ Seite 540

[2] Ibn Saad/Bewley vol. 3 pp. 190-191; Kohlberg, Etan (July–September 1975). „Some Imami-shi’i Views on Taqiyya.“. Journal of the American Oriental Society. 95 (3): 395–402.

[3] siehe „The Holy Qur´an with Short Commentary“ Seite 540

[4] siehe „The Holy Qur´an with Short Commentary“ Seite 129 f

[5] Sure 4, Vers 136

[6] Sure 5, Vers 9

[7] Sure 22, Vers 31

[8] Hazrat Mirza Masroor Ahmad, Die Bedingungen des Bai`at, Verlag der Islam, 1. Auflage, 2007, S. 34-41

[9] Bukhari, kitab-ul-adab, qaulillahi ittaqullaha wa kunu ma assadiqeen

[10] Malfuzaat, Bd. III, S. 350


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