Die Helfer des Königs der Feder.

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Taqiyya – Alles nur Täuschung?

Es ist immer wieder verblüffend, welchen Vorwürfen sich Muslime stellen müssen. Einer eben jener absurden Vorwürfe ist die Behauptung, dass es Muslimen gestattet sei, in bestimmten Situationen lügen zu dürfen. Konkret meinen die Islamkritiker dabei jene Situation, in der Muslime in einer Gesellschaft die Minderheit ausmachen und von einer nicht-muslimischen Mehrheit regiert werden. Unter solchen Umständen, so die Kritiker, sei es den Muslimen erlaubt, die Wahrheit hinsichtlich ihrer religiösen Ansichten zu verbergen und dadurch ihre Mitmenschen zu täuschen.

Der Vorwurf, der im Fachjargon als „Taqiyya“ bezeichnet wird, ist indes kein neuer, hat aber, und dies sei unmissverständlich klargestellt, weder Hand noch Fuß. Wie hätte auch nur eine einzige Person die islamische Lehre annehmen können, würde es ein solches betrügerisches, heuchlerisches und lügenhaftes Vorgehen gegeben haben? Wieso hat der Prophet Muhammad (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) 13 Jahre lang erbarmungslose Verfolgung, unmenschliche Qualen und nicht zu ertragende Leiden auf sich genommen, hätte Er (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) sich doch der sogenannten Taqiyya bedienen können? – na’audhubillah (Gott bewahre)! Wieso hat Hadhrat Bilal (Möge Allah Gefallen an ihm haben), ein Gefährte des Heiligen Propheten (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm), sein Leben riskiert und schlimmste Qualen ausgehalten und nicht das vermeintliche Prinzip der Taqiyya angewendet? Wieso ließ er sich auf brennend-heißen Sand legen und durch die Straßen Mekkas schleifen? Wäre es für ihn nicht ein Einfaches gewesen, seinen Glauben zu leugnen und sich dadurch, von der Taqiyya Gebrauch machend, zu schützen? All jene Überlegungen zeigen unumstößlich auf, dass es sich bei dem Vorwurf der Taqiyya um ein haltloses und inhaltsloses Gebilde handelt.

Wie kann es trotz alledem dennoch sein, dass die Anschuldigung hinsichtlich der Taqiyya immer wieder in den Raum geworfen wird? Um dies nachvollziehen zu können, ist es unabdinglich, sich mit der Argumentation und den Inhalten der Kritiker auseinanderzusetzen.

Einer der quranischen Verse, welcher von den Kritikern seit jeher angebracht wird, ist der Vers 107 der 16. Sure:

„Wer Allah verleugnet, nachdem er geglaubt – den allein ausgenommen, der gezwungen wird, indes sein Herz im Glauben Frieden findet – jene aber, die ihre Brust dem Unglauben öffnen, auf ihnen ist Allahs Zorn; und ihnen wird eine strenge Strafe.“

Dieser Vers behandelt den Fall einer Person, die ihren Glauben zurückweist. [1] Jene Ausnahmebestimmung ist hinsichtlich des Gefährten ʿAmmār ibn Yāsir (Möge Allah Gefallen an ihm haben) offenbart worden, der durch den größten Gegner des Propheten (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm), Abu Jahl, auf schlimmste Weise gefoltert und schließlich zum Abschwur des Glaubens gezwungen wurde. Eine gemeingültige Erlaubnis zu lügen ist hier nicht gegeben. Vielmehr wird überliefert, dass Abu Jahl die Eltern Ammārs tötete und Ammār solange folterte, bis er die Götzengötter lobte. Als sie ihn freiließen, eilte er zum Propheten (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) und schilderte die Begebenheit mit den Worten:

„Bei Allah, man ließ erst von mir ab, als ich Euch im Schlechten erwähnte und ihre Götzen im Guten!“

Da sagte der Prophet (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) zu ihm:

„Und wie seht Ihr euch selbst?“

Er antwortete:

„Ich bin mir im Glauben sicher.“

Da entgegnete der Prophet Allahs:

„Wenn sie es wieder tun, handelt Ihr wieder so!“[2]

Die im Vers erwähnte Ausnahme ist explizit auf diese Begebenheit zurückzuführen und stellt damit keine Sonderregelung zum Lügen dar. Im Gegenteil, jene Menschen ansprechend, die keine Kraft finden, extreme Folter auszuhalten, sagt Allah weiter in Vers 111:

„Alsdann wird dein Herr jenen, die auswanderten, nachdem sie verfolgt worden waren, und dann hart kämpften (für Allah) und standhaft blieben – siehe, dein Herr wird hernach gewiss allverzeihend, barmherzig sein.“

Es heißt, dass ein solcher Mensch bestimmte Handlungen ergreifen muss, um Gottes Vergebung zu erfahren. Solch ein Mensch sollte von einem solchen Ort auswandern und dann in der Sache Gottes streben. Ein solcher Mensch würde tatsächlich Gottes Hilfe finden. [3] Von dem sogenannten Prinzip der Taqiyya ist hier keinesfalls die Rede.

Ein weiterer Vers aus dem Heiligen Quran, der von den Kritikern gern zitiert wird, ist folgender:

 „Die Gläubigen sollen sich nicht Ungläubige zu Freunden nehmen vor den Gläubigen – und wer das tut, hat nichts mit Allah –, es sei denn, dass ihr euch vorsichtig vor ihnen hütet. Allah warnt euch vor Seiner Strafe, und zu Allah ist die Heimkehr.“ [4]

Muslime sind aufgefordert, sich gegen die Pläne und Hinterhalte der Gegner in Acht zu nehmen. Der Ausdruck „es sei denn, dass ihr euch vorsichtig vor ihnen hütet“ bezieht sich hierbei nicht auf die Macht der Gegner, jedoch auf die Pläne derer, vor denen sich die Muslime hüten sollen. [5] Hier ist in keinem Fall die Rede davon, dass ein Muslim im Allgemeinen – zwecks Vorsichtsmaßnahmen – seine wahren Absichten verbergen, gar lügen darf! Es ist lediglich ein Hinweis, dass man vor den Plänen und der List der Gegner gewappnet sein soll. Würde es in diesem Fall erlaubt gewesen sein zu lügen, so wäre dies ein Zeichen der Ängstlichkeit und Furcht. Doch die einzige Furcht eines Gläubigen ist die Furcht vor Allah, in der quranischen Terminologie besser bekannt als Taqwa.

Selbst die quranischen Verse, welche von den Kritikern verwendet werden, zeigen auf, dass es in keinem Fall eine Legitimation für die Idee der sogenannten „Taqiyya“ gibt. Dennoch lässt sich das Konzept der Taqiyya im ausgeprägten Maße in den schiitischen Kreisen wiederfinden. Dies liegt darin begründet, dass die Schiiten im Laufe der Geschichte vornehmlich in der Minderheit waren und kaum politische Macht erlangten. Ihnen war es daher nicht möglich, unter einem sunnitischen Herrscher, ihren Glauben preiszugeben und mussten diesen daher oft verstecken. Infolgedessen entwickelten sich in diesen Kreisen im Zuge der Zeit das selbst konstruierte Gebilde der sogenannten „Taqiyya“ und die Vorstellung, dass in solchen Situationen das Verbergen der wahren Absichten und des Glaubens legitim sei. Weder ist dies in irgendeinem Fall erlaubt, noch wird solch eine Vorgehensweise irgendeiner islamischen Tugend gerecht!

Vielmehr macht der Heilige Quran unmissverständlich und mit einem besonderen Nachdruck auf das Gebot der wahren Aussage und der Ehrlichkeit und Wahrheit in jedem Fall aufmerksam. So sehr, wie der Heilige Qur’an auf die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit eines Gläubigen als grundlegende Charaktereigenschaft wertgelegt hat, hat es nicht das Christentum, nicht das Judentum, ja, in Wahrheit keine religiöse Lehre getan, ist es doch der Qur’an allein, der die Lüge und den Götzendienst in einem Atemzug nennt und damit zu einer gleichwertigen Sünde erklärt:

„Meidet darum den Gräuel der Götzen und meidet das Wort der Lüge“ (Sura 22, Vers 31)

Und wenn man bedenkt, dass der Qur’an den Shirk, das Gleichstellen jemand anderes mit Gott, zu einer unverzeihlichen Sünde erklärt, wie sehr der Islam demnach also gegen die Lüge eintritt, wenn er sie dem Götzendienst gleichauf stellt. Taqiyya ist eine Lüge und der Islam verbietet strikt das Lügen!

Tatsächlich haben die Gefährten und Frühmuslime, als sie von den Götzendienern in ihrer eigenen Heimat unsäglichen Qualen ausgesetzt waren, erduldet, wie ihnen die Gliedmaßen abgeschnitten wurden; erduldet, wie ihre Liebsten in Stücke gerissen wurden und erduldet, wie sie durch die Götzendiener ihrer Heimat zu Tode geprügelt wurden, doch sie haben nicht die Bedingung angenommen, unter der sie sich all das Leid hätten ersparen können: Die Lüge, die darin bestand, ihrem Glauben mündlich abzuschwören. Wiewohl der Qur‘an ihnen erlaubte, im Herzen zu glauben, und dem Leid zu entkommen, zogen sie es vor lieber zu sterben, als ein falsches Wort über ihre Lippen zu bringen.

Folgende Begebenheit stellt dies eindeutig dar: Als die Gefährten des Propheten (Friede und Segen Allahs seien auf Ihm), um der Verfolgung in ihrer Heimat zu entkommen, damals nach Äthiopien auswanderten, einem Staat mit christlicher Mehrheit, wurde der dortige Herrscher, der Negus, aufgefordert, die Muslime nach ihrer Auffassung zu Jesus zu befragen. Die Gefährten antworteten geradeheraus und ohne Umschweife, dass sie Jesus nicht als Sohn Gottes, sondern nur als einen Menschen, betrachteten. (vgl. Prophetenbiographie, Ibn Hisham) Während also ihre Leben auf dem Spiel standen, haben sie nichts als die Wahrheit gesprochen. Denn die echte Gelegenheit, die Wahrheit zu sagen, ist laut Islam eben diejenige, bei der der Verlust von Leben, Eigentum und Ehre befürchtet werden muss. Diesbezüglich lehrt Allah Folgendes:

„Seid fest in Wahrung der Gerechtigkeit und Wahrheit, und seid Zeugen nur für Gott, mag es auch gegen euch selbst oder gegen eure Eltern und Verwandten, wie Kinder gerichtet sein.“ [6]

Man soll demnach also, wenn man spricht, die Wahrheit sprechen, und sei es auch gegen die eigenen Eltern, Verwandten oder Kinder. Selbst in Situationen der Feindschaft und des Kriegs lehrt Allah:

„Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht zur Ungerechtigkeit und Unwahrheit verleiten.“[7]

Selbst im Kriegsfall, in dem ein Ausnahmezustand herrscht, verbietet der Islam das Lügen und die Unwahrheit. Ein Vers nach dem anderen unterstreicht die besondere Bedeutung der Wahrheit. Zahlreiche weitere Stellen im Heiligen Quran, die den Menschen ermahnen in jeder Situation und ungeachtet der Folgen die Wahrheit zu sprechen, könnten erwähnt werden.

Auch das Leben des Heiligen Propheten Muhammad (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) spiegelt die Einhaltung dieses essentiellen Gebots par excellence wieder.

So sagte der Heilige Prophet (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) zu einem Mann, der angab, zu viele schlechte Gewohnheiten zu besitzen, als dass er sie alle auf einmal loswerden könnte, und deshalb um eine einzige Belehrung bat, die er zu befolgen imstande sei:

„Versprecht mir, dass Ihr stets die Wahrheit sagen und niemals lügen werdet. [8]

In einer anderen Überlieferung heißt es:

„Ehrlichkeit führt zur Tugendhaftigkeit und Tugendhaftigkeit führt ins Paradies. Und ein Mensch, der stets die Wahrheit sagt, wird bei Allah als der Wahrhaftige registriert. Und Lügen führt zur Sünde und Untugend, und die Untugend führt in die Hölle. Und ein Mensch, der unentwegt lügt, wird bei Allah als Lügner registriert.“[9]

Im Lichte des quranischen Gebotes und der Lebenspraxis des Propheten (Frieden und Segnungen Allahs seien auf Ihm) sagte der Verheißene Messias (Friede Sei auf ihm):

„Der Heilige Qur’an bezeichnet auch die Lüge als eine Schändlichkeit. So heißt es: ´Meidet darum den Gräuel der Götzen und meidet falsche Rede.´ (22:31) Schaut, hier wird die Lüge einem Götzen gleichgesetzt. Und in der Tat ist die Lüge eine Art Götze. Wieso wendet sich sonst der Mensch von der Wahrheit ab und geht einen anderen Weg? So wie ein Götze auf keiner Realität gründet, so ist auch die Lüge nichts als Trug. […] Wenn ein gewohnheitsmäßiger Lügner von seiner Gewohnheit loskommen möchte, so wird ihm dies nicht auf Anhieb gelingen. Es bedarf einer beständigen Übung, um die Wahrheitstreue wiederzuerlangen.“[10]

Aus alledem wird unmissverständlich deutlich, dass das Konzept der Taqiyya weder eine Grundlage im Islam hat, noch jemals hatte, noch irgendwann haben wird. Der einzige Grund, warum Kritiker an dem Konzept der Taqiyya festhalten, ist, dass es ihnen als Totschlagargument dient, um alle Muslime von vornherein als unglaubwürdig und lügnerisch abzustempeln und somit jedweden Gesprächen und Argumenten aus dem Weg zu gehen. Kritiker, die nun noch daran festhalten, dass die Taqiyya islamisch sei, offenbaren nur ihre Feigheit, sich auf vernünftiger Ebene mit Fakten auseinanderzusetzen. Der Islam hat die Lüge unmissverständlich zu einem Übel und einem Götzendienst erklärt. Wer hernach noch an dem Vorwurf der Taqiyya festhält, spiegelt lediglich seine eigene im besonderen Maße vorhandene verlogene Gesinnung wider!

 

 

 

Fußnoten:

[1] siehe „The Holy Qur´an with Short Commentary“ Seite 540

[2] Ibn Saad/Bewley vol. 3 pp. 190-191; Kohlberg, Etan (July–September 1975). „Some Imami-shi’i Views on Taqiyya.“. Journal of the American Oriental Society. 95 (3): 395–402.

[3] siehe „The Holy Qur´an with Short Commentary“ Seite 540

[4] Sure 3, Vers 29

[5] siehe „The Holy Qur´an with Short Commentary“ Seite 129 f.

[6] Sure 4, Vers 136

[7] Sure 5, Vers 9

[8]   Hazrat Mirza Masroor Ahmad, Die Bedingungen des Bai`at, Verlag der Islam, 1. Auflage, 2007, S. 34-41

[9] Bukhari, kitab-ul-adab, qaulillahi ittaqullaha wa kunu ma assadiqeen

[10] Malfuzaat, Bd. III, S. 350

 

Quellen:

  • Der Verheißene Messias as: Mirza Ghulam Ahmad, Die Philosophie der Lehren des Islams, Verlag Der Islam, 3. Auflage, S. 103-110
  • Der 5. Khalifa der Ahmadiyya Muslim Jamaat: Mirza Masroor Ahmad, Die Bedingungen des Bai`at, Verlag der Islam, 1. Auflage, 2007, S. 34-41
  • Dr. Mohammad Dawood Majoka, Islam: Fakten & Argumente – Eine Antwort auf die Vorwürfe der AfD, Verlag der Islam, 1. Auflage, 2016, S. 64-65
  • Artikel aus Alislam: „Reply to allegation that in Islam lying is permissible for spreading faith and is called taqiyya“