Die Helfer des Königs der Feder.

Unterziehen religiöse Eltern ihre Kinder einer Gehirnwäsche?

Übersetzung von Nayyar Sheikh
Textgrundlage: http://www.reviewofreligions.org/12417/are-religious-parents-brainwashing-their-children/

Umar Nasser – London, UK (Februar 2016)

Es ist eine Frage, die über die letzten Jahre zu oft gestellt wurde, als dass sie von religiösen Eltern gänzlich unbeachtet gelassen werden könnte: Ist es eine sinistre Form der ideologischen Indoktrination, ein Kind mit religiösen Überzeugungen aufzuziehen? Viele unverblümte Atheisten von heute wenden genau das ein, allen voran der Zoologe Richard Dawkins, wie vorherzusehen war, als Anführer des Rudels. Letztes Jahr schrieb er in einem detaillierten Artikel spezifisch zu dieser Thematik:

„Es ist tatsächlich ein bedeutsamer Unterschied dazwischen, seine Kinder in harmlose Traditionen einzubinden oder ihnen unbewiesene Meinungen über die Natur des Lebens oder des Kosmos aufzuzwingen.“[1]

In einem anderen Interview fügte er hinzu:

„Kinder müssen geschützt werden, sodass sie angemessene Bildung erfahren können, nicht hingegen in derjenigen Religion indoktriniert werden, mit der ihre Eltern zufällig aufgezogen wurden.“ [2]

Das vollständige Argument, das von einigen Atheisten vorgebracht wird, stellt die Behauptung auf, dass das Aufziehen eines Kindes mit religiösen Vorstellungen eine Form der Gehirnwäsche sei, die einen unzumutbaren Einfluss auf ihre Zukunft ausübe. Ein fairerer Ansatz sei es, so ihr Vorschlag, Kinder ohne jegliche religiösen Überzeugungen aufzuziehen, um ihnen nach dem Erreichen der intellektuellen Reife zu erlauben, sich ein eigenes religiöses oder nicht-religiöses Weltbild auszusuchen.

Auf den ersten Blick mag diese Position plausibel erscheinen; ihre Logik ist indes höchst fehlerhaft. Hier sind fünf Gründe, wieso religiöse Menschen durchaus jedes Recht dazu haben, ihre Kinder gemäß ihren eigenen religiösen Überzeugungen großzuziehen:

 

  1. Wir alle erziehen unsere Kinder gemäß unserer persönlichen Überzeugungen – Atheisten eingeschlossen

Wenn wir obengenannte Aussagen Dawkins näher untersuchen, wird die Scheinheiligkeit jenes Standpunktes unmittelbar augenscheinlich. Er basiert auf der Vorstellung, dass religiöse Menschen „unbewiesene Meinungen über die Natur des Lebens oder des Kosmos“ hegen. Klingt das nicht vielmehr selbst nach einer Meinung? Ich denke nicht, dass meine Vorstellungen unbewiesen sind; wer tut das schon? Wir können nicht alle Recht haben, aber wir behalten uns alle das Recht vor, genau das von sich zu glauben. Wer sagt denn, dass ich nicht den Atheismus für einen unbewiesenen Standpunkt erachte, der dem moralischen und geistigen Wohl meiner Kinder abträglich ist? Wenn dem so ist, wie könnte ich dann bewusst meinen Liebsten die Möglichkeit verweigern, sich in ihrer Jugend spirituell zu entwickeln? Der Einwand läuft im Wesentlichen auf einen verdrießlichen Ausdruck antireligiöser Empörung hinaus: Deine Vorstellungen unterscheiden sich von meinen und ich habe ganz offensichtlich Recht, wie also kannst du es wagen, deinen Kindern deine ignoranten Vorstellungen beizubringen. So gesehen ist es ganz eindeutig; wenn Dawkins seine Kinder mit der Vorstellung erzieht, dass naturalistische Prozesse allein jegliche und alle Phänomene erklären können und es auch tun, dann habe ich alles Recht, meine Kinder mit der Vorstellung zu erziehen, dass sie es nicht tun.

Als abschließendes Argument stellt Dawkins in seinen Schriften wiederholt einen Vergleich zu der offensichtlichen Absurdität an, seine Kinder entsprechend der politischen Tendenzen ihrer Eltern zu bezeichnen, indem er scharfsinnig herausstellt, dass es lächerlich wäre, seine Kinder „Konservative“ oder „Sozialisten“ zu nennen. Zum seinem Bedauern würde das Argument des Professors, daraus einen logischen Rückschluss gezogen, den Eltern verbieten, mit ihren Kindern überhaupt irgendeinen ihrer politischen, ökonomischen oder sozialen Werte zu bereden, aus Angst, ihre Kinder könnten sich den politischen Überzeugungen der Eltern zuneigen. Vielleicht würde Dawkins ja auch eine genetische Massen-Rekombination befürworten; man hasst es ja mit anzusehen, wie die genetischen Merkmale so willkürlich von den Eltern auf das Kind weitergegeben werden.

 

  1. Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder

Alle Eltern, ob religiös oder nicht, treffen für ihre Kinder Myriaden von Entscheidungen basierend auf ihrer Einschätzung, was das Beste für die Zukunft ihres Nachwuchses sein wird. Wie viele Kinder haben nicht gejammert und geschrien, als ihre Eltern sie zur Schule geschickt haben oder empfunden, dass es „das Schlimmste überhaupt“ wäre, von ihren Freunden wegzuziehen? Und trotzdem, könnte sich jemand vorstellen, dass wir all diese Kinder im glorreichen Namen der Entscheidungsfreiheit emanzipieren sollten? Selbstverständlich nicht, weil wir alle akzeptieren, dass die Entscheidung eines Elternteils für die Zukunft seiner Kinder respektiert werden muss. Es gibt keinen Grund, warum die Rechte, die für die Gestaltung der sozialen und akademischen Zukunft eines Kindes gelten, nicht auch für dessen spirituelle Zukunft gelten sollten.

 

  1. Der Islam hält die Glaubensfreiheit hoch

Natürlich ist dem Recht der Eltern, über die Zukunft eines Kindes zu bestimmen, eine Grenze gesetzt:

„Es gibt keinen Zwang im Glauben…“[3]

Die tiefsinnige Bedeutung dieses Verses vor Augen haltend plane ich, meine Kinder mit den religiösen Überzeugungen aufzuziehen, die ich für wahr halte, sodass sie von den spirituellen Vorteilen kosten können, die ich gekostet habe und hinsichtlich derer ich mir im Traum nicht ausmalen könnte, sie dessen zu berauben. Wenn sie jedoch dann die intellektuelle Reife erlangen und von den Argumenten in Befürwortung dieser Glaubensvorstellungen wahrlich nicht überzeugt sind, dann ist das eben so. Ich habe kein Recht dazu, sie dazu zu zwingen, sich zum Glauben zu bekennen, nicht zuletzt weil ein aufgezwungener Glaube bedeutungslos ist. Meine Verpflichtung, zu tun, was ich für das Beste für sie halte, führt nicht dazu, dass ich sie ihrer Autonomie im Erwachsenenalter beraube. Immerhin hat auch der Prophet Noah (as) voll Kummer seinen ungläubigen Sohn zur Arche gerufen, ihn nicht jedoch dazu gezwungen, mit den Gläubigen an Bord zu gehen. [4]

 

  1. Außerhalb der Religion aufgezogen zu werden bedeutet, einem eine fundierte Entscheidung wegzunehmen

Die Prämisse, auf der dieser Gedanke aufbaut, ist, dass es fairer für das Kind sei, ohne Glauben aufgezogen zu werden, weil es ihm die Möglichkeit offen halte, sich im Erwachsenenalter eine Religion auszusuchen, wie und wann es will. Das aber hieße, dass die meisten Leute als Atheisten enden würden und das aus all den „falschen“ Gründen. Die Religion mag eine rationale Grundlage haben, aber viele ihrer Früchte sind nicht rein intellektuell, sie sind auch erfahrbar. Wenn man aufwächst ohne je spirituelle Erfüllung, die Erhörung von Gebeten und eine Beziehung zu Gott erfahren zu haben, wie ist es dann möglich, eine fundierte Entscheidung über die Wahrhaftigkeit der Religion zu treffen? Eine wahrhaft informierte Entscheidung entsteht aus Erfahrungen. Wenn man nach einer solchen Anstrengung entscheidet, dass die einem verheißenen Früchte der Spiritualität inexistent waren, dann ist es einem freigestellt, zu gehen. Eine Ablehnung der Religion jedoch, ohne sich jemals nach Kräften bemüht zu haben, ihre Vorteile zu erfahren, ist sinnentleert.

 

  1. Würde eine religiöse Erziehung permanente Indoktrination bedeuten, gäbe es keine Atheisten

Vielleicht der größte Beweis dafür, dass diese ganze Idee fehlerbehaftet ist, ist die Tatsache, dass die meisten Befürworter des New Atheism (Neuer Atheismus) in einer religiösen Umwelt geboren und erzogen wurden, bevor sie sich entschieden, die Religion aufzugeben. Schließlich wissen wir alle, dass die Religiosität im Westen im Untergang und der Atheismus im Aufstieg begriffen sind. Dies wäre schlichtweg nicht möglich, wenn die Erziehung des Kindes in einer religiösen Umgebung notwendigerweise einen unauslöschlichen Strich in ihm hinterließe. Wir sehen weiterhin, dass die Forderung auf keiner legitimen Grundlage steht. Ungeachtet dessen ist es selbstredend wahr, dass ein kleiner Teil der Eltern die Fähigkeit zum kritischen Denken in den Kindern zu unterdrücken sucht. Solche psychische Nötigung ist den wahren Lehren der Propheten indes ein Gräuel – jene, die jedes Zeichen ihrer Wahrheit darlegten und doch die Gewissensfreiheit über allen anderen Freiheiten wertschätzten.

„Und sprich: Die Wahrheit ist es von eurem Herrn: Darum laß den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.“ [5]

Über den Autor: Umar Nasser ist Medizinstudent im letzten Jahr am Imperial College in London. Er dient momentan als Vorsitz der Ahmadiyya Muslim Studentenvereinigung UK und ist Mitgründer von Endofatheism.com, einer Initiative, die schlüssige Antworten auf die Fragen zu geben sucht, die vom Atheismus des modernen Zeitalters gestellt werden. Er ist ebenso Mitherausgeber des Student Review, eines neuen Blogs, der zusammen von der Majlis Khuddamul Ahmadiyya UK und The Review of Religions herausgebracht wird. 

 

Anmerkungen

  1. Richard Dawkins, “Don’t Force Your Religious Opinions On Your Children”, Foundation for Reason and Science, 19. Februar 2015, https://richarddawkins.net/2015/02/dont-force-your-religious-opinions-on-your-children/
  2. Joe Humphreys, “Richard Dawkins: Children Need to be ‘Protected’ From Religion”, The Irish Times, 24. Februar 2015, http://www.irishtimes.com/news/education/richard-dawkins-children-need-to-be-protected-from-religion-1.2116281
  3. Der Heilige Qur’an, Sura Al-Baqarah, Vers 257
  4. Der Heilige Qur’an, Sura Al-Hud, Vers 43
  5. Der Heilige Qur’an, Sura Al-Kahf, Vers 30

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