Die Helfer des Königs der Feder.

Wenn Antipathie (sachliche) Kritik verfälscht

Zu „Sacrificium intellectus“ von Karsten Krampitz, 13./14.6., S.19; online: dasND.de/1137813

Karsten Krampitz betitelt seine Buchrezension zu „Die Linke und die Religion“ mit „Sacrificium intellectus“ und unterstellt u.a. den Autoren von „Islam in einer pluralistischen Gesellschaft“, dass sie den Glauben idealisieren und keine selbstreflektierte Haltung zur islamischen Geschichte einnehmen, um den Einklang von Religion und Harmonie nicht zu gefährden. Diese Mutmaßung zum Anlass nehmend, folgt eine Richtigstellung der Irreführung:

Krampitz vertritt die Annahme, dass die Auseinandersetzung mit dem Vorfall des jüdischen Stammes „Banu Quraiza“ eine gute Gelegenheit gewesen wäre, sich mit dem jährlichen Al-Quds-Marsch in Berlin und mit den radikal-islamischen Gruppen auseinanderzusetzen. Er glaubt seiner Kritik Substanz und Konstruktivität zu verleihen, indem die Erwähnung der Reihe „Koran erklärt“ von Dr. Shady Hekmat Nasser von der Harvard University, die im Deutschlandfunk erschien, angeführt wird. Dabei offenbart sich diese Eröffnung als eine vorurteilsbehaftete Unterstellung dem Islam und seinem Begründer gegenüber, die Krampitz zugrunde liegt. Das vorliegende Problem:  Dr. Shady Hekmat Nasser erklärt eine Ablehnung zu den Vorbehalten gegen den Islam und seinen Begründer und geht davon aus, „dass der Fall der Banu Quraiza nicht gegen Juden als eine ethnisch-religiöse Gruppe gerichtet war“ und Muhammad auch nicht zur Tötung anderer jüdischen Stämme aufrief. Deshalb handelt es sich nach Nasser nicht um ein Massaker oder Genozid; er selbst weist den Antisemitismus im frühen Islam kategorisch zurück.

Doch warum sieht Krampitz nicht – obwohl er sich mit Dr. Shady Hekmat Nasser auseinandersetzt – dass es sich um keine Hinrichtung von Juden handelt? Oder vielleicht ist die bessere Frage: Warum kann er es nicht sehen? Jedenfalls kann davon ausgegangen werden, dass keine sachliche Auseinandersetzung mit dem Beitrag im Deutschlandfunk stattgefunden hat. Vielmehr hat Krampitz falsch verstanden, was er falsch verstehen wollte. Ich werfe ihm vor, bewusst die geschichtliche Darstellung zugunsten von Hassrede gegen Muslime zu manipulieren.

Indes gebe ich Krampitz Recht damit, dass eine Auseinandersetzung mit diesem Vorfall wichtig gewesen wäre. Es wäre ein Ansatz gewesen, um den Diskurs zur zunehmenden antimuslimischen Haltung zu eröffnen. Denn auch hier stellt sich die Frage, warum sich Muslime für die politische Entscheidungen, die 1500 Jahre zuvor getroffen wurden, recht zu fertigen haben?

Das Ereignis von Banu Quraiza wird an dieser Stelle dargestellt:

Gelehrte und Akademiker schlussfolgern nach einer sachlichen und objektiven Betrachtung des Ereignisses im Buch von Ibn Isaaq „Das Leben des Propheten“ (das in seiner ursprünglichen Form nicht existiert und lediglich eine Nacherzählung von Ibn Hisham ist), dass weder Muhammad eine Billigung zu diesem Vorfall gab noch der Stamm Banu Quraiza ausgerottet wurde.

Eigentlich sollte darauf verzichtet werden, das Ereignis hier nochmals zu nennen, da jedoch die Rezension von Herrn Krampitz zeigt, dass Kritik als Deckmantel einer Negativzuschreibung missbraucht wird, ist es unerlässlich, das Ereignis hier in verkürzter Form zu erwähnen. Denn dieser Nachtrag wird zeigen, dass Muhammad nicht die Judikative übernahm, vielmehr den richterlichen Beschluss durch einen Richter aussprechen ließ. Man muss auch eingestehen, dass eine vollständige Behandlung des Ereignisses den Rahmen sprengen würde, weshalb die Kernpunkte der Thematik aufgegriffen und für den Leser erörtert werden. Zudem ist wichtig zu benennen, dass die Erzählungen von Ibn Isaaq kritisch betrachtet wurden und er sich zu seiner Lebenszeit dem Vorwurf entgegenstellen musste, falsche Erzählungen in Bezug auf den Propheten in seiner Schrift aufgenommen zu haben. Einer seiner Kritiker war Malik ibn Anas, ein Zeitgenosse Ibn Isaaqs. Deshalb gilt die Anzahl der Verurteilten, die zwischen 600 und 900 beziffert wird, unter den Akademiker aber auch bei Ibn Isaaq selbst als umstritten.

Es wurde zwischen allen in Medina lebenden Stämmen eine Verfassung niedergeschrieben und unterschrieben, die besagte, dass ein Vertragsbruch zu ahnden sein werde. Doch was geschah nach dem Vertragsbruch der Banu Quraiza, als sie sich während der Grabenschlacht mit den Gegnern verbündeten? Muhammad gab den Banu Quraiza das Recht, sich über ihren Vertragsbruch durch einen Boten beraten zu lassen. Die Banu Quraiza wählten Abu Lubaba, einen aus ihrem verbrüderten Stamm Aus als Boten aus. Hier ist zu erwähnen, dass als sie Abu Lubaba danach fragten, ob sie sich Muhammads Urteil unterwerfen sollen, er dies bejahte und auf seine Kehle zeigte, um anzudeuten, dass sie niedergemetzelt werden. In der Biografie von Ibn Isaaq heißt es aber auch, dass Abu Lubaba mit seinem Fehlverhalten, das Deuten auf seine Kehle, Allah und Seinem Gesandten gegenüber treulos gehandelt habe, indem er ihnen ein Urteil zuschrieb, das nicht der Wahrheit entsprach – er war einsichtig seines Fehlers wegen. Er bestrafte sich selbst für diese Unterstellung, indem er sich in der Moschee an einer Säule festband, bis durch Gott seine Vergebung erklärt wurde.

Im zweiten Nachgang gab Muhammad dem Stamm Aus auf ihre Bitte hin (sie waren Verbündete von Banu Quraiza) das Recht, durch Saad bin Muaz, einen Anführer des Stammes Aus, über Banu Quraiza richten zu lassen. Saad bin Muaz nahm von Muhammad und seinen muslimischen Anhängern sowie von Banu Quraiza, die dieser Entscheidung zustimmten, das Versprechen ab, seine Verfügung zu akzeptieren. Als beide Parteien dies bejahten, gab Saad bin Muaz bekannt: „So entscheide ich, dass die Männer getötet und die Kinder und Frauen gefangengenommen werden und ihr Besitz aufgeteilt wird.“ Banu Quraiza nahm diese Entscheidung als Befehl Gottes an, denn als Huyayy ibn Akhtab hingerichtet werden sollte, sagte er: „O ihr Menschen! Gegen diesen Befehl Gottes ist nichts einzuwenden. Er hat den Kindern Israels eine Schrift, ein Verhängnis und ein Gemetzel geoffenbart.“ Gemeint ist damit, dass Saad bin Muaz diese Entscheidung aus der Thora bekannt gab, in der es heißt: „Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen. Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein. Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern. Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen. Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt.“ (Dtn. 20:10-15)

An dieser Stelle der geschichtsgetreuen Darstellung ist zu betonen, dass Muhammad für die Vergebung und Befreiung der Banu Quraiza einstand. Obwohl Saad bin Muaz seine Entscheidung verkündet hatte, vergab Muhammad jedem, der sich im Nachhinein an ihn wandte. Dies wird aus dem Ereignis von Zubair bin Batiya, der Banu Quraiza angehörte, deutlich: Der Muslime Thabit bat den Propheten darum, Zubair bin Batiya zu vergeben und der Prophet willigte ein. Zubair deutete darauf hin, dass seine Frau und Kinder in Gefangenschaft seien, woraufhin der Prophet befahl, seine Frauen und Kinder freizulassen. Dann entgegnete Zubair, dass sein Hab und Gut in die Hände der Muslime gefallen sei. Der Prophet Muhammad gab bekannt, ihm sein Hab und Gut zu gewähren. Zubair fragte anschließend Thabit, zu welcher Übereinstimmung sich ihr Stammesoberhäupter Kaab bin Asad und Huyayy ibn Akhtab entschieden hätten. Als ihm mitgeteilt wurde, dass beide die Hinrichtung bevorzugten, entschied auch er sich für die Hinrichtung.

Diese Ausführung sollte reichen, um zu verdeutlichen, dass das Narrativ der muslimischen Alterität ausgenutzt wird, um Ängste bezüglich des islamischen Glaubens zu schüren. Es fehlt eine sachlich-theologische sowie objektiv-wissenschaftliche Vertiefung, die in der kulturell-religiösen Heterogenität der Gegenwartsgesellschaft notwendig ist. Stattdessen spricht sich Herr Krampitz für die Verfestigung von Dichotomien in Deutschenland aus. Aus meiner Sicht wenig zielführend und vollständig abzulehnen! Ich begrüße eine kritische Betrachtung, sofern sie auf Objektivität und nicht auf Antipathie sowie Stereotypisierung beruht.

 

Saadat Ahmed, M.A. Islamwissenschaften.

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