Die Helfer des Königs der Feder.

Wie Kompetenz und Kopftuch zusammenhängen

2016, Oktober, Bad Homburg. Ich, eine 20-jährige Lehramtsstudentin der Goethe-Universität Frankfurt, besuche im Rahmen der schulpraktischen Studien eine Gesamtschule in einem kleinen, bescheidenen Dorf bei Frankfurt. Aufgeregt lassen meine Kommilitonen und ich uns in der Schule herumführen. Der freundliche stellvertretende Direktor heißt uns willkommen und entschuldigt das Fehlen der Direktorin, sie habe keine Zeit. Nach einer Stunde begeben wir uns zurück ins Lehrerzimmer, Fragen werden geklärt. „Wenn das alles ist, sind Sie für heute entlassen und wir sehen uns nächste Woche in aller Frische wieder.“ Ich und meine Kommilitonen setzen zum Gehen an, bis ein verlegenes Räuspern mich stoppt: „Hätten Sie noch eine Minute?“. Ein verlegener Vizedirektor blickt mich an – oder auch nicht an. „Die Direktorin möchte Sie sprechen.“ Aha. Wäre ja auch zu schön gewesen. Mir war sofort klar, um was es gehen würde. Ich betrat das Büro der beschäftigten Direktorin und nach etwas Smalltalk kommt sie auf ihr eigentliches Anliegen. „Wie Sie sehen konnten, sind wird eine offene und vielschichtige Schule… Sie haben sicherlich die vielen Mädchen mit Kopftüchern bemerkt.“ ? „Wir sind ganz froh, dass es nicht zu viele sind. Ihr Kopftuch… wir möchten nicht, dass es ein falsches Signal bei den Schülerinnen aussendet. Sie müssen es während der Zeit hier ablegen.“

 

Ich beende diese kleine Anekdote meinerseits hier mit der Anmerkung, dass meine Reaktion nicht sonderlich angenehm war, dennoch habe ich versucht den höflichen Ton zu wahren. Warum lösen 30 Gramm Stoff eine Migräne bei einer Direktorin aus, ob es nun die Angestellten oder die Schüler tragen? Über eine Antwort zu dieser Frage habe ich schon sehr lange nachgedacht und nicht nur erst seit dem geschilderten Vorfall. Als auszubildende Lehrkraft, oder vielmehr als Lehrkraft muslimischen Glaubens, stellt man sich diese Frage tagtäglich und sie lässt einen seit Anbeginn des Studiums nicht los. Der Tenor: Ja, wir haben einen Lehrkräftemangel, aber mit Kopftuch? Nein, danke! Lieber versage ich meinem Kind die Bildung, als es der „aggressiven Gefahr“ [man füge an dieser Stelle irgendein beliebiges Vorurteil gegenüber Kopftuchträgerinnen ein], die bekanntlich von einem Stück Stoff ausgeht, auszusetzen.

 

Von all den verschiedenen Antwortmöglichkeiten, erschien mir in Anbetracht der Reaktion der Direktorin folgende Antwort möglich: Die Vorbildfunktion einer Lehrkraft. Für viele Schülerinnen und Schüler sind Lehrerinnen und Lehrer wichtige Bezugs- und Identifikationspersonen. Schließlich verbringen Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit in der Schule. Somit fungieren Lehrkräfte nicht nur als Wissensvermittler, sondern auch als Vorbilder, denn junge Menschen suchen häufig nach Orientierung und finden diese in der Regel bei den Erwachsenen in ihrem Umfeld. Steht nun eine Lehrerin – oder in meinem Falle eine Lehrerin in spe mit einem Kopftuch – vor der Klasse, könnte das folgendes „falsches“ Signal an die Schülerinnen und Schüler aussenden: Nämlich, dass eine muslimische Frau (mit einem Kopftuch wohlgemerkt; die Religion ist also mehr oder weniger „sichtbar“) genauso wie auch alle anderen Lehrkräfte vor ihnen stehen und sie unterrichten kann und darf und sollte; dass also ein Kopftuch in unserer Gesellschaft kein Hindernis in der Entfaltung eigener Interessen und persönlicher (Karriere-)Wünsche und Ziele darstellt.

 

Das würde nämlich die Frau muslimischen Glaubens mit all den anderen Lehrkräften gleichsetzen und zeigen, dass diese Frau hier ebenfalls als Vorbild fungieren darf – nur eben mit einem Kopftuch. Zugegebenermaßen ist diese Antwortmöglichkeit etwas provokativ formuliert, wenn nicht sogar polemisch. Aber für mich ist sie durchaus plausibel. An dieser Stelle wird oft der Einwand geäußert, dass all diese jungen Mädchen vor mir doch ermutigt werden würden, ihr Kopftuch oder ihren Glauben auszuleben. Eine Ausrede, die auf nichts und wieder nichts fußt.

Das Hessische Schulgesetz, auf dessen relativ schwammige Wortwahl sich die erklärten Kopftuchgegner stützen, sagt im § 86 Abs. 3 HSchG Folgendes aus:

Zur Gewährleistung der Grundsätze des §3 Abs.1 haben Lehrkräfte in Schule und Unterricht politische, religiöse und weltanschauliche Neutralität zu wahren; § 8 bleibt unberührt. Insbesondere dürfen sie Kleidungsstücke, Symbole oder andere Merkmale nicht tragen oder verwenden, die objektiv geeignet sind, das Vertrauen in die Neutralität ihrer Amtsführung zu beeinträchtigen oder den politischen, religiösen oder weltanschaulichen Frieden in der Schule zu gefährden.

Lassen Sie mich zuerst sagen, dass das Neutralitätsgesetz an und für sich betrachtet für mich absolut Sinn ergibt. Dennoch scheint es mir so, als würden insbesondere diejenigen Menschen, die Lehrerinnen mit Kopftüchern äußerlich oder innerlich verächtlich ansehen, sehr gerne Gebrauch von diesem Absatz machen – zumindest wird dieser oft für diesen Zweck missbraucht. Insgesamt kann § 86 Abs. 3 HSchG in drei verschiedenen Punkten angefochten bzw. diskutiert werden. Er verstößt zum einem gegen das Grundrecht auf Glaubensfreiheit, zum anderen gegen das Grundrecht auf gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern, sowie gegen das Grundrecht auf Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Das Tragen von bestimmten Kleidungsstücken ist zu beanstanden, wenn Schülerinnen und Schüler in politischer, religiöser oder weltanschaulicher Hinsicht gezielt beeinflusst werden sollen (was sie im Übrigen auch ohne den Anblick eines Kopftuchs auf mannigfache Art und Weise bereits werden). Klar ist, dass alle Kleidungsstücke oder Merkmale, die nach außen gerichtet sind, die also andere Personen, insbesondere Schülerinnen und Schüler, gezielt dazu bewegen und auffordern sollen, die politische, religiöse oder weltanschauliche Haltung des Lehrers zu übernehmen, tatsächlich mit der staatlichen Neutralität im Unterricht nicht vereinbar wären. Leider wird hierbei jedoch kein Unterschied zwischen den politischen bzw. weltanschaulichen Merkmalen einerseits, und den religiösen Gründen des Tragens von Kleidungsstücken andererseits gemacht. Dabei sind hier große Unterschiede vorzufinden: Politische Symbole sind regelrecht dazu gemacht und darauf gerichtet, andere aufzufordern, sich der gezeigten Auffassung anzuschließen. Dies ist bei religiösen Symbolen oder Kleidungsstücken nicht der Fall. Religiöse Kleidungsstücke wie das Kopftuch tragen keinen „werbenden“ Charakter. Mein Kopftuch ist keine „Marke“, die ich mir anziehe, um zu „werben“. Das Kopftuch wird aus innerer Überzeugung und aus der Liebe zu Gott heraus getragen, so wie jeder das, was er tut und lässt und trägt, aus irgendeiner Überzeugung tut oder lässt oder trägt. Ein Kopftuch hat per Definition unaufdringlich zu sein. Die Behauptung, es würde irgendeinen Betrachter zur Konversion drängen, ist so unfundiert wie die Behauptung, irgendein Kruzifix an einer Wand würde mich passiv zum Christentum missionieren und zwingen.

Somit ist die Religiosität der Lehrerin durchaus sichtbar, jedoch nicht nach außen gerichtet. Und solange dieser Umstand gegeben ist, ist das Neutralitätsgebot weiterhin erfüllt. Solange also eine Lehrkraft aus rein persönlichen und religiösen Gründen ein unaufdringliches Kleidungsstück wie ein Kopftuch trägt, ohne das Ziel, damit auf andere Druck auszuüben oder sie zum Übertritt zum Islam zu bewegen, ist mir damit ein Verstoß gegen die Neutralität der Amtsführung nicht ersichtlich. Wieso ist nicht viel eher die persönliche Kompetenz das Entscheidungskriterium, statt Kleidung, Geschlecht oder Hautfarbe?

Solange keine Schülerin und kein Schüler von einer Lehrkraft auf unangemessene Art und Weise gezielt beeinflusst wird, bleibt es nur ein Ausdruck persönlicher Befangenheit einer Lehrkraft das Tragen des Kopftuchs zu verbieten, oder es ihr, wenn nicht handgreiflich, dann auf vermeintlich rechtlichen Wegen, vom Kopf reißen zu wollen. Wäre es, gerade in einem großartigen Land wie Deutschland, nicht bewundernswert, wenn die Schülerinnen und Schüler eine Bandbreite an Vorbildern unter ihren Lehrkräften finden könnten und in diesen, ganz unabhängig von ihrer Bekleidung und ihrem Aussehen, eine Bezugsperson mit Vorbildfunktion finden könnten, die sich durch ihr Wissen, durch ihre Art, durch ihren Unterrichtsstil – oder aus welchen Gründen ich auch immer eine Lehrkraft schätze – auszeichnet?

 

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