Diener oder Herr? Künstliche Intelligenz im Licht islamischer Lehren

Ein junger Khuddam stellte Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA eine Frage, die viele von uns beschäftigt: Wie sollen wir als Muslime mit Künstlicher Intelligenz umgehen? Die Antwort von HudhurABA war klar und präzise – und bildet den roten Faden dieses Artikels.

Was steckt eigentlich hinter dem Begriff „KI”?

ChatGPT schreibt Hausarbeiten. Ein Algorithmus diagnostiziert Krebs früher als manche Ärzte. Ein Sprachmodell beantwortet theologische Fragen in Sekundenbruchteilen. Künstliche Intelligenz ist längst kein Science-Fiction-Thema mehr – sie ist mitten in unserem Alltag angekommen.

Doch was ist KI eigentlich? Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA formulierte es treffend bei einer Mulaqat mit deutschen Khuddam im April 2024:

“Künstliche Intelligenz ist der von Gott dem Allmächtigen verliehenen menschlichen Intelligenz nicht überlegen. Allah sagt, dass der Mensch als die beste der Schöpfungen erschaffen wurde.” (übersetzt, original in englisch)1

KI ist die Aggregation und Verdichtung menschlichen Wissens in einem System – kein eigenständig denkender Geist, kein Bewusstsein, keine Seele. Was beeindruckend wirkt, ist im Kern eine hochentwickelte Mustererkennung auf der Basis von Milliarden menschlicher Texte, Bilder und Daten. Die Technologie dahinter – sogenannte Transformer-Architekturen, die seit 2017 die KI-Welt revolutionierten – simuliert sprachliches Verständnis.2 Aber Simulation ist nicht dasselbe wie Wirklichkeit.

Chancen und Gefahren – zwei Seiten einer Medaille

Wie jede mächtige Technologie trägt KI zwei Gesichter. Auf der einen Seite eröffnet sie außerordentliche Möglichkeiten: In der Medizin erkennt KI Krankheiten früher als bisher; in der Bildung personalisiert sie Lerninhalte; im Bereich des Tablighs bietet die KI-gestützte Plattform von alislam.org millionenfachen Zugang zu authentischen islamischen Quellen – rund um die Uhr, in Dutzenden Sprachen.3

Auf der anderen Seite warnte HudhurABA deutlich vor den Gefahren. Bei einer Mulaqat mit Khuddam im Februar 2025 sagte er:

“Ich sehe, dass eure Roboter oder KI euch zwar helfen, sie aber auch die geistige Fähigkeit und Kapazität eures Verstandes verringern können. Das Niveau der Intelligenz kann sinken, weil ihr euch auf KI verlasst. Daher könnt ihr Hilfe von KI oder Robotern in Anspruch nehmen, euch aber nicht vollständig auf sie verlassen.” (übersetzt, original in englisch)4

Wer nicht mehr selbst denkt, verlernt das Denken. Das ist keine religiöse Metapher – das ist eine reale kognitive Gefahr. Neurowissenschaftliche Studien bestätigen, dass zunehmende Abhängigkeit von KI-Systemen die eigenständige Problemlösefähigkeit des Gehirns beeinträchtigt.5 HudhurABA hatte diese Sorge bereits 2023 beim Treffen mit deutschen Universitätsabsolventen formuliert: Wenn alles der KI überlassen wird, führe das zu „Regression und Stagnation des menschlichen Intellekts.”6

Hinzu kommen weitere strukturelle Risiken: algorithmische Manipulation, die Verbreitung von Desinformation sowie die Erosion echter menschlicher Beziehungen durch KI-gestützte „Freundschafts-Ersatzdienste”.7 Im schlimmsten Fall stehen autonome Waffensysteme (Lethal Autonomous Weapons, LAWs) im Raum – ein Thema, vor dem HudhurABA die Weltgemeinschaft seit Jahren warnt.8

Was KI niemals sein kann: Ein lebendiger Geist, Fitrah und Gottesverbindung

Hier kommt die eigentliche Tiefendimension ins Spiel. Denn die Frage, die Wissenschaft und Philosophie heute ernsthaft diskutieren, lautet: Kann KI jemals bewusst sein? Kann sie fühlen, wollen, glauben?

Der Philosoph David Chalmers prägte hierfür den Begriff „Hard Problem of Consciousness” – das subjektive Erleben, das rätselhafte „Wie es sich anfühlt”, Schmerz zu spüren oder Freude zu empfinden.9 Eine vollständige Beschreibung aller neuronalen Prozesse erklärt nicht, warum es überhaupt inneres Erleben gibt. Selbst die führenden neurowissenschaftlichen Theorien zu Bewusstsein – die “Integrated Information Theory” (IIT) von Tononi und die “Global Workspace Theory” (GWT) von Baars und Dehaene – kommen zu demselben Schluss: Heutige KI-Systeme erfüllen die wissenschaftlichen Kriterien für Bewusstsein nicht.10 Reine Hardware, in der Information linear verarbeitet wird, kann die strukturellen Voraussetzungen für phänomenales Erleben nicht erzeugen.11

Der Islam gibt auf diese Frage eine noch tiefere Antwort. Allah der Allmächtige sagt im Heiligen Koran:

“Und sie fragen dich über die Seele. Sprich: “Die Seele entsteht auf den Befehl meines Herrn; und euch ist von Wissen nur wenig gegeben” (Sure Bani Isra’il, 17:86)

Die Ruh – die Seele oder der lebendige Geist – ist kein Produkt biologischer Prozesse und erst recht kein Produkt menschlicher Programmierung. Sie kommt durch Allahs direkten Befehl. Wenn die Menschheit ihre eigene Seele nicht vollständig versteht, wie könnte sie sie jemals in eine Maschine übertragen?12

Mit der Seele verbunden ist die Fitrah – die gottgegebene moralische Naturanlage, die jeden Menschen von Geburt an befähigt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Ein Algorithmus kann moralische Regeln befolgen. Aber er kann nicht aus Überzeugung handeln. Er kann keine Gottesbeziehung eingehen, keine Reue empfinden, kein Gebet sprechen. KI kann Intelligenz imitieren – aber niemals eine Seele besitzen.13

Die Jamaat als Vorbild: KI mit Verantwortung nutzen

Wie sieht das in der Praxis aus? Die Ahmadiyya Muslim Jamaat selbst zeigt, wie es geht. Unter der Anleitung von HudhurABA hat alislam.org KI-gestützte Werkzeuge entwickelt – darunter die Ayaat Search App, eine KI-gestützte Sprachsuche für Koranverse in elf Sprachen, sowie eine digitale Bibliothek der Schriften des Verheißenen MessiasAS und der Khulafa.14

Das entscheidende Prinzip dahinter formulierte HudhurABA selbst:

Künstliche Intelligenz muss ein Diener bleiben, nicht der Herr. Alles, was von KI erschaffen wird, sollte überprüft werden. (übersetzt, original in englisch)15

Alle KI-Outputs auf alislam.org werden von qualifizierten Personen geprüft, bevor sie veröffentlicht werden. Kein blinder Verlass – sondern bewusste, menschlich beaufsichtigte Nutzung.

Wir sind gefragt

KI ist ein mächtiges Werkzeug. Sie kann heilen und schaden, aufklären und manipulieren, befreien und versklaven. Was sie nicht tun kann: uns unsere Verantwortung abnehmen.

Als Ahmadis sind wir nicht dazu berufen, Technologie zu fürchten oder ihr blind zu vertrauen – sondern sie mit Vernunft, Gottvertrauen und Amana (Verantwortung) zu gestalten. Die Frage ist nicht: „Was kann KI?” Die Frage ist: „Wer sind wir, wenn wir sie nutzen?”

Die Seele lässt sich nicht programmieren. Aber sie lässt sich stärken – durch Gebet, Wissen, Demut und den aufrichtigen Dienst an der Menschheit. Das ist der Auftrag, den wir mitbekommen haben. Kein Algorithmus kann ihn für uns erfüllen.


Quellen

  1. Hadhrat Mirza Masroor Ahmad (ABA): Mulaqat mit Khuddam aus Deutschland, 20. April 2024, Islamabad, UK. https://lightofislam.in/how-to-make-ethical-use-of-artificial-intelligence ↩︎
  2. Vaswani, A. et al. (Google Brain): „Attention is All You Need.” Advances in Neural Information Processing Systems (NeurIPS), 2017. ↩︎
  3. „Where faith meets innovation: New AI features on Alislam.” Al Hakam, 20. Juli 2025. https://www.alhakam.org/where-faith-meets-innovation-ai-features-alislam ↩︎
  4. Hadhrat Mirza Masroor Ahmad (ABA): Mulaqat mit Khuddam aus dem Nordwesten der USA, 21. Februar 2025, Islamabad, UK. https://www.alhakam.org/over-reliance-on-ai-may-impact-cognitive-abilities-khuddam-from-the-usas-northwest-region-meet-huzoor ↩︎
  5. Butlin, P. et al.: „Consciousness in Artificial Intelligence: Insights from the Science of Consciousness.” ↩︎
  6. Hadhrat Mirza Masroor Ahmad (ABA): Mulaqat mit deutschen Universitätsabsolventen, 2. Juni 2023, Islamabad, UK. https://www.alhakam.org/campaign-for-ethical-use-of-artificial-intelligence-surges ↩︎
  7. „The era of bad advice: AI, friendship and the death of wise counsel.” Al Hakam, 23. Dezember 2025. https://www.alhakam.org/bad-advice-ai-friendship-death-of-wise-counsel ↩︎
  8. Hadhrat Mirza Masroor Ahmad (ABA): Ansprache beim Peace Symposium Kanada, 28. Oktober 2016. Zit. nach: „Campaign for ethical use of artificial intelligence surges.” https://www.alhakam.org/campaign-for-ethical-use-of-artificial-intelligence-surges ↩︎
  9. Chalmers, D. J.: „Facing Up to the Problem of Consciousness.” Journal of Consciousness Studies, 2(3), S. 200–219, 1995. ↩︎
  10. Tononi, G. / Boly, M. et al.: Adversarial testing of global neuronal workspace and integrated information theories of consciousness. Nature, 2025. ↩︎
  11. Wiese, W.: If consciousness is dynamically relevant, artificial intelligence isn’t conscious” arXiv:2304.05077, 2023. ↩︎
  12. Manto, S.: „Humanity and AI: Reflections on consciousness, morality, and purpose.” Al Hakam, Dezember 2024. https://www.alhakam.org/humanity-and-ai-reflections-on-consciousness-morality-and-purpose ↩︎
  13. Ahmad, I. et al.: „The Threshold Theory of AI: An Islamic Philosophical and Theological Perspective.” RSIS International Journal, 2025. ↩︎
  14. „Where faith meets innovation: New AI features on Alislam.” Al Hakam, 20. Juli 2025. https://www.alhakam.org/where-faith-meets-innovation-ai-features-alislam ↩︎
  15. „Where faith meets innovation: New AI features on Alislam.” Al Hakam, 20. Juli 2025. https://www.alhakam.org/where-faith-meets-innovation-ai-features-alislam ↩︎

Similar Posts