Verantwortung tragen, wenn andere schlafen: Wie Muslime das Stadtbild prägen

Autor: Aden Mahmood (03.01.2026)

Glaube, Besen und Bürgerpflicht – Warum der Neujahrsputz für uns Muslime mehr ist als nur Sauberkeit.

Ein anderer Start ins neue Jahr
Der 1. Januar ist in Deutschland ein Tag der Stille. Die Rollläden heruntergelassen, die Spuren der Silvesternacht liegen noch auf dem Asphalt. Doch für uns, die Jugend der Ahmadiyya Muslim Jamaat, beginnt dieser Tag anders. Lange bevor die Sonne aufgeht, versammeln sich in über 250 Städten bundesweit junge Muslime in ihren Moscheen. Der Tag beginnt nicht mit Lärm, sondern mit dem Tahajjud-Gebet, dem freiwilligen Nachtgebet, gefolgt vom morgendlichen Fajr-Gebet. Es ist ein Moment der inneren Einkehr und Spiritualität. Doch wir bleiben nicht auf dem Gebetsteppich sitzen. Nach einem gemeinsamen Frühstück, das uns als Gemeinschaft stärkt, tauschen wir die festliche Kleidung gegen Warnwesten, Handschuhe und Müllsäcke.

Gemeinsam stark für saubere Städte: Eine Gruppe der MKAD bereit zum Einsatz nach dem Morgengebet. Quelle: Rakib Chowdhry

Tradition seit über drei Jahrzehnten
Oft wird unser Engagement als Reaktion auf aktuelle Integrationsdebatten missverstanden. Dabei ist die Neujahrsputzaktion keine PR-Strategie, sondern eine gewachsene Tradition, die wir in Deutschland seit über 30 Jahren pflegen. Was einst als kleine Initiative begann, hat sich zu einer logistischen Meisterleistung entwickelt. Von Hamburg bis München, von Berlin bis ins kleinste Dorf: Tausende junge Männer schwärmen gleichzeitig aus. Wir befreien öffentliche Plätze, Bushaltestellen und Parkanlagen von Raketenresten, Böllern und Glasscherben. Wir tun dies nicht, weil wir dazu aufgefordert wurden, sondern weil wir es als unsere Pflicht ansehen

Tatkraft im Stadtbild: Mit Greifzange und Müllsack sorgen Mitglieder der MKAD am Neujahrsmorgen für Ordnung. Quelle: Aden Mahmood

Warum wir das tun: Liebe zum Heimatland
Die Frage nach dem „Warum“ ist berechtigt. Warum stehen junge Männer an ihrem freien Tag in der Kälte und kehren fremden Müll weg? Die Antwort ist tief in unserem Glauben verwurzelt. Der Prophet des Islam lehrte, dass „die Liebe zum Heimatland ein Teil des Glaubens ist“. Deutschland ist unsere Heimat. Und wer seine Heimat liebt, der pflegt sie. Wir verstehen uns als ein Teil dieser Gesellschaft, die aktiv Verantwortung für das Stadtbild übernehmen. Wir wollen nicht nur Nutznießer der sauberen Infrastruktur sein, sondern auch diejenigen sein, die dazu beitragen sie zu erhalten. Es ist ein Dienst an der Schöpfung und ein Dienst an der Gesellschaft – oder wie wir es nennen: Khidmat-e-Khalq (Dienst an der Menschheit).

Begegnungen, die Vorurteile abbauen
Besonders wertvoll sind die Momente am Straßenrand. Wenn wir den frühen Spaziergängern, den Hundebesitzern oder den Bäckern begegnen, 
Gespräche entstehen, die keine Talkshow ersetzen kann. Ein freundliches „Frohes Neues Jahr“, ein überraschter Blick, ein „Danke, dass ihr das macht“ – in 
diesen Sekunden fallen Barrieren. Wir zeigen durch unsere Präsenz, dass der Islam, wie wir ihn verstehen, untrennbar mit zivilgesellschaftlichem Engagement verbunden ist. Wir sind Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunde, die anpacken, wo Hilfe gebraucht wird. Ob beim Neujahrsputz, bei Blutspendeaktionen oder in der Altenpflege: Wir sind da.

Ein Zeichen für Zusammenhalt
In einer Zeit, in der viel über Spaltung geredet wird, setzen wir auf Zusammenhalt. Wenn der Arzt neben dem Schüler und der Ingenieur neben dem Handwerker die Straße kehrt, dann ist die gelebte Brüderlichkeit. Wir hoffen, dass diese Tradition auch in Zukunft ein fester Bestandteil des deutschen Neujahrsmorgens bleibt – als Symbol dafür, dass Integration keine Einbahnstraße ist, sondern ein gemeinsamer Weg, den wir sauber und friedlich beschreiten wollen.

Wir haben den Müll beseitigt, die Straßen sind wieder frei. Was bleibt, ist das gute Gefühl, das Jahr mit einer guten Tat begonnen zu haben.

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