Zwischen sachlicher Kritik und gefährlicher Pauschalisierung: Ein Appell für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
Die Veranstaltung der FDP Oberursel am 18. Mai im Elaya Hotel unter dem Titel „Islamismus in Deutschland – unterschätzt, verharmlost, ignoriert“ steht sinnbildlich für eine Debatte, in welcher die Ängste der Bürgerinnen und Bürger durch ein einseitig besetztes Panel befeuert wurden. Anstatt verschiedene Perspektiven zuzulassen, setzten die Referentinnen – die ehemalige FDP Bundestagsabgeordnete Katja Adler, die Wissenschaftlerin Prof. Susanne Schröter und die Islamismus-Expertin Gülden Hennemann – vor allem auf Schwarz-Weiß-Malerei.
Als Bürger dieser Stadt, der hier seit 32 Jahren lebt und verwurzelt ist, und als praktizierender Muslim, war es mir ein persönliches Anliegen, an diesem Abend teilzunehmen. Ich suchte den Dialog, fand jedoch eine Atmosphäre vor, die mich zutiefst besorgt zurücklässt. Mein Ziel mit diesem Beitrag ist es keineswegs, legitime Islamkritik zu verurteilen – sachliche Kritik ist ein wesentlicher Pfeiler unserer Demokratie. Es geht jedoch um die Frage, mit welcher Intention Kritik geäußert wird und welche gesellschaftlichen Folgen eine undifferenzierte Rhetorik nach sich zieht.
Der Mythos des „Tabus“ der Islamkritik
Direkt zu Beginn betonte Katja Adler, dass das Ansprechen von Islamismus viel Mut erfordere und in unserer Gesellschaft ein Tabu sei. Selbst ein oberflächlicher Blick in den Medien dieses Landes genügt, um den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung zu entlarven: Schnell wird klar, dass der Islam ständiger Kritik ausgesetzt ist. Problematisch ist vielmehr, dass Frau Adler in die gleiche Kerbe eingeschlagen hat wie die AfD oder Bewegungen wie die PEGIDA, deren erstes Mittel der Wahl keineswegs die Kritik am Islam ist, sondern das Schüren von Ängsten und die Verunsicherung der Bürgerinnen und Bürger. Die Frage ist, ob wir an einem sachlichen Diskurs interessiert sind, oder uns jedes Mittel recht ist, um Stimmung gegen den Islam zu machen und dabei Stimmen zu gewinnen.
Zahlen ohne Kontext: Die Gefahr der pauschalen Verdächtigung
Besonders problematisch ist es, wenn der pauschalen Verurteilung von Muslimen sogar ein wissenschaftlicher Anstrich zu verleihen versucht wird, indem Frau Prof. Schröter eine Studie zitiert, nach der vermeintlich knapp 50 % der unter 40-jährigen Muslime als latent „islamismusaffin“ bezeichnet werden. Über Sinn und Unsinn solcher Begriffe könnte lange diskutiert werden. Auch ist es nicht schwer Studien oder Interpretationen solcher für das eigene Weltbild zu finden, jedoch ist dies auch nicht Gegenstand meiner Diskussion. Vielmehr stellt sich die Frage, was das Verbreiten solcher Thesen und wissenschaftlich klingender Aussagen ohne eine soziologisch oder inhaltliche Einordnung bei den Zuhörern bewirkt: Führt dies zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem islamischen Glauben und den Anschauungen seiner Anhänger, oder lassen derartige Vorträge die Zuhörer eher zurück mit einem Gefühl pauschaler Verunsicherung, ja sogar Verurteilung gegenüber Menschen einer bestimmten Glaubensrichtung.
Eine solche Stigmatisierung zerstört das Vertrauen in den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es ist paradox: Seit Jahren wird von Musliminnen und Muslimen gefordert, sich stärker gesellschaftlich einzubringen. Tun sie es jedoch, werden ihnen – wie an diesem Abend – Unterstellungen gemacht, es handle sich dabei lediglich um strategische PR-Arbeit oder den Versuch der Unterwanderung. Wenn muslimisches Engagement pauschal als „stille Agenda“ oder „PR-Aktion“ abgetan wird, entzieht man denjenigen den Boden, die sich seit Jahrzehnten für den Zusammenhalt einsetzen. Das schafft eine Sackgasse, in der Integration zur Unmöglichkeit erklärt wird.
Begriffsklärung: Die Scharia als ethischer Kompass statt Schreckgespenst
Während der Veranstaltung wurden Begriffe wie „Scharia“ und „Kalifat“ ohne jede religiöse Einordnung als bloße Schreckgespenster genutzt. Dabei ist die Scharia kein kodifiziertes Gesetzbuch, sondern setzt sich aus der Tradition und Praxis des Propheten Muhammad zusammen. Sie umfasst das rituelle Gebet und Fasten, aber ganz zentral auch Prinzipien wie Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Sozialfürsorge.
Es mag überraschen, aber eine Untersuchung der Universität Teheran aus dem Jahr 2014 kam zu dem Schluss, dass Länder wie Neuseeland, Luxemburg und die skandinavischen Staaten die Prinzipien der Scharia – im Sinne von Gerechtigkeit, Gleichheit und guter Regierungsführung – weltweit am besten realisieren. Islamische Länder wie der Iran landeten aufgrund der Einschränkung von Menschenrechten auf den hintersten Plätzen. Dies verdeutlicht: Dort, wo Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit gewahrt werden, finden sich die Ideale wieder, die auch die Mehrheit der Muslime in ihrem Glauben sucht.
Integration oder Assimilation?
Katja Adler bezeichnete Integration als „Einbahnstraße“ und forderte, die Mehrheitsgesellschaft müsse sich ihrer Werte bewusst werden, um nicht unter dem Deckmantel falscher Toleranz die eigene Identität zu verlieren. Doch von welchen Werten sprechen wir hier? Wenn Integration bedeutet, dass Minderheiten im Rahmen des Grundgesetzes ihre kulturelle Identität aufgeben müssen, dann sprechen wir von Assimilation. Unsere demokratische Grundordnung sichert den persönlichen Entfaltungsfreiraum. Man muss religiöse Verschleierung nicht „feiern“, aber man muss sie als Ausdruck individueller Freiheit tolerieren, solange sie keine Rechte Dritter verletzt.
Doppelte Standards und gesellschaftliche Verantwortung
Wer sich aus Sorge um muslimische Kinder für Fastenverbote an Schulen einsetzt, darf nicht verschweigen, dass eben diese Kinder mindestens genauso stark von undifferenzierten Debatten und der Leugnung von antimuslimischem Rassismus betroffen sind. Ein Gast behauptete gar unerwidert seitens des Podiums, dieser Rassismus existiere nicht, da Muslime keine „Rasse“ seien. In Zeiten zunehmender Angriffe auf muslimisches Leben hätte ich mir ein klares Bekenntnis gegen jede Form von Diskriminierung und Hass gewünscht.
Stattdessen erlebte ich im Saal ein Klima, in dem ein echter Dialog kaum erwünscht war. Ich wurde zynisch gefragt, wo meine Ehefrau sei, und als ich versuchte, die Rolle der Geschlechter zu erklären, wurde ich als Lügner beschimpft. Eine Dame aus dem FDP-Ortsverband fragte mich gar, ob ich mich in Deutschland oder meiner „Heimat“ wohler fühle – ihr Gesichtsausdruck auf meine Antwort, dass Deutschland meine Heimat ist, sprach Bände.
Fazit: Gemeinsam statt einsam
Worte haben Konsequenzen. Der Hass, der verbal geschürt wird, kann sich in Taten manifestieren – wie der Angriff auf eine Moschee in San Diego (USA) am darauffolgenden Tag mit 3 Toten zeigt. Wir müssen Islamismus bekämpfen, ja. Aber wir müssen es als Partner tun, nicht als Gegner. Mein Appell an die FDP und alle Mitbürger: Lassen Sie uns den Diskurs zurück in die Mitte der Gesellschaft holen, basierend auf Fakten, Respekt und der Anerkennung, dass wir alle Teil dieses Landes sind. Demokratie und Toleranz müssen auch dann gelten, wenn man die Gegenposition des anderen persönlich nicht teilt.
