50. Jahre Jalsa Salana -Was hier eigentlich passiert

1975 kamen siebzig Menschen in eine Hamburger Moschee. In diesem September werden es Zehntausende auf einem Flugplatz. Was auf einer Jalsa Salana geschieht, einfach erklärt.

VON ADEN MAHMOOD   ·    SEPTEMBER 2026

Das Erste, was Ihnen auffallen wird, sind die Schuhe.

Sie stehen in langen Reihen vor den Zelten. Turnschuhe neben Sandalen neben polierten Halbschuhen. Keine Nummern, kein System. Und am Ende findet fast jeder seine wieder. Das ist der Moment, in dem Gäste begreifen, wo sie gelandet sind. Nicht auf einer Konferenz. Eher auf einer sehr großen Familienfeier, bei einer Familie, die sie noch nicht kennen. Vom 4. bis 6. September findet in Mendig die 50. Jalsa Salana Deutschland statt, die Jahresversammlung der Ahmadiyya Muslim Jamaat. Dieser Text erklärt, was dort passiert.

Das Jalsa-Gelände in Mendig: rund 200 Veranstaltungszelte und etwa 800 Schlafzelte, aufgebaut in wenigen Wochen. Foto: Jalsa Salana Deutschland

Ein Sonntag im Dezember 1975

Der Anfang lässt sich auf die Stunde datieren: Sonntag, 28. Dezember 1975, zehn bis achtzehn Uhr, Fazl-e-Omar-Moschee in Hamburg. Ein Tag, ein Raum, sechs Reden. Die Teilnehmerliste gibt es noch. 63 Namen stehen darauf, mit den Organisatoren waren es rund siebzig. Das Komitee bestand aus dem Imam und drei Freiwilligen. Und es gab Wettbewerbe: Koranrezitation, Wissensfragen und Gedichtvortrag. Siebzig Leute an einem kalten Dezembersonntag, und jemand richtet einen Gedichtwettbewerb aus. Mehr muss man über diese Gemeinschaft kaum wissen.

Warum es die Jalsa gibt

Die Idee war da schon 84 Jahre alt. 1891 lud Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, der Verheißene Messias und Gründer der Gemeinschaft, nach Qadian im Punjab ein. Fünfundsiebzig Menschen kamen. Der Zweck war klar: Rechtschaffenheit stärken, Brüderlichkeit festigen, geistige Erkenntnis vertiefen.

„Stellt euch diese Jalsa nicht als eine gewöhnliche weltliche Versammlung vor.“ Hadhrat Mirza Ghulam AhmadAS, Maǧmūʿa ištihārāt, Bd. 1, S. 341.

Kein Fest also, kein Jahrmarkt. Hadhrat Khalifatul Masih VABA, das führende weltweite spirituelle Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, hat diese Ziele 2024 noch einmal benannt: den geistigen Zustand der Teilnehmer verbessern, die Beziehung zu Gott stärken, die Brüderlichkeit fördern. Dieselben drei Sätze wie 1891.

JahrOrtGästeWas sich änderte
1891Qadian, Indien75Die erste Jalsa Salana überhaupt
1975Hamburg, Fazl-e-Omar-Moscheeca. 70Der Anfang in Deutschland – an einem einzigen Sonntag
1981Frankfurt am Main750Die Moschee ist zu klein – Umzug in eine Halle
1985Groß-Gerau1.200Erstmals freies Feld, erstmals Übersetzung ins Deutsche
1990Groß-Gerau10.000Die erste Zehntausend
1995Mannheim, Maimarkt17.000Ein Standort für die nächsten 16 Jahre
2011Karlsruhe26.872Umzug in die Messehallen
2025Mendig, Flugplatz46.000Seit 2024 in der Eifel, wieder unter freiem Himmel
2026MendigDie 50. Jalsa, 4.–6. September
Quellen: Revue der Religionen, „Die Geschichte der Jalsa Salana in Deutschland“, Teil I und II; Presse- und Medienbüro der Ahmadiyya Muslim Jamaat. Zahlen gerundet.

Zwei Fahnen

Wer am Freitagmorgen kommt, sieht eine Zeremonie, die in zwei Minuten mehr erklärt als dieser ganze Text. Die Fahnen der sechzehn Bundesländer stehen Spalier. Am Ende werden zwei Flaggen gehisst, gleichberechtigt nebeneinander: die Bundesflagge und die Flagge der Ahmadiyya Muslim Jamaat. Dann wird gebetet. Für dieses Land.

Dahinter steht ein Grundsatz, den jedes Kind bei uns kennt: Hubbul Watani minal Iman, die Liebe zum Heimatland ist Teil des Glaubens. Der Ausspruch geht auf den Heiligen Propheten MuhammadSAW zurück. Patriotismus ist im Islam also keine Höflichkeit, sondern Pflicht. Hadhrat Khalifatul Masih VABA hat das 2023 in Stuttgart auf einen Satz gebracht:

„Ein Teil eures Glaubens, muss die Liebe zu Deutschland sein.“ Hadhrat Mirza Masroor AhmadABA auf der Jalsa Salana Deutschland 2023 in Stuttgart.

Drei Tage, ein Rhythmus

Die Jalsa Gah, das Hauptzelt. Über der Bühne der Leitsatz der Gemeinschaft.  · Foto: Ahmadiyya Galerie Deutschland

Es gibt Sitzungen von morgens über den Nachmittag bis in den Abend. Menschen sprechen über Glaubensfragen, Erziehung, Verantwortung, Gegenwart. Dazwischen wird gebetet, fünfmal am Tag, gemeinsam, in Reihen. Wenn Zehntausende in einem Zelt gleichzeitig still werden, ist das ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann.

Den Abschluss bildet die Ansprache von Hadhrat Khalifatul Masih VABA. 2025 hörten in Mendig mehr als 46.000 Menschen zu. Wer kein Urdu versteht, bekommt Kopfhörer oder nutzt die Übersetzungs-App. Schon im Jahr 2000 wurde in zehn Sprachen gedolmetscht.

Das Langar Khana: Dienst als Prinzip

Drei Tage lang wird jeder Gast verpflegt, komplett kostenlos. Für Mitglieder, für Besucher, für den Journalisten, der eigentlich nur eine Stunde bleiben wollte, sich jedoch entscheidet den restlichen Abend dort zu verbringen. Kein Eintritt, keine Kasse. Alles wird aus freiwilligen Spenden der Mitglieder finanziert. Ermöglicht wird all das durch Tausende Ehrenamtliche, die eigens dafür ihren Jahresurlaub nehmen, um in den Wochen des Aufbaus, während der drei Tage und beim anschließenden Abbau Dienst an den Gästen zu leisten.

Wir nennen das nicht Helfen, sondern Khidmat-e-Khalq, der Dienst an der Schöpfung. Der Gedanke ist schlicht: Wer Gott dienen will, dient den Menschen.

Zwei Sphären, eine Jalsa

Gemeinsames Gebet in der Jalsa Gah.  · Foto: Ahmadiyya Galerie Deutschland

Das Gelände hat zwei Bereiche, einen für Männer und einen für Frauen – zwei gleichwertige Jalsas, die parallel laufen. Die Frauenseite gehört vollständig den Frauen: Die Lajna Imaillah plant das Programm, hält die Vorträge, führt die Küche und stellt den eigenen Sicherheitsdienst. Rund zwanzigtausend Besucherinnen kommen dort zusammen.

Das Prinzip: Führung, Verantwortung und Öffentlichkeit liegen hier in Frauenhand. Der zweite Gedanke heißt Haya: Anstand, Feingefühl und gegenseitiger Respekt zugleich. Zwei Sphären schaffen Räume, in denen sich niemand beobachtet fühlt und beide Seiten dieselbe Freiheit haben, zuzuhören, zu sprechen und zu beten.

Gute Nachbarschaft

Über vierzigtausend Gäste an drei Tagen sind für eine Stadt wie Mendig eine große organisatorische Aufgabe. Wir wissen das und planen entsprechend: ein mit Behörden und Polizei abgestimmtes Verkehrskonzept, Informationen für die Anwohner im Vorfeld, eine erreichbare Ansprechstelle, ein eigenes Reinigungsteam für das Umfeld und eine ausdrückliche Einladung an die Nachbarschaft.

Einst standen unsere Zelte in einem Hamburger Vorgarten, heute Tausende Autos auf Feldern am Flugplatz. Der Maßstab hat sich geändert, der Anspruch nicht: Wir hinterlassen einen Ort so, wie wir ihn vorgefunden haben, nach Möglichkeit besser.

Kommen Sie vorbei

Externe Gäste sind willkommen. Es gibt eine Anmeldung, Betreuung, Übersetzung und es kostet nichts. Sie müssen nichts glauben, nichts unterschreiben, an nichts teilnehmen. Sie dürfen zuschauen, essen, fragen und wieder gehen. Neu ist das nicht: Schon 1977 waren dreißig der 250 Teilnehmer Gäste von außerhalb.

Über der Bühne hängt der Satz, der diese Gemeinschaft seit Jahrzehnten begleitet: Liebe für alle, Hass für keinen. Ob er stimmt, entscheidet nicht das Banner, sondern die drei Tage darunter. Kommen Sie vorbei und prüfen Sie es selbst.

Und falls Sie sich dann an den Schuhreihen fragen, wie die Leute ihre eigenen wiederfinden: Ich weiß es auch nicht. Sie tun es einfach.


Praktisches:  Die 50. Jalsa Salana Deutschland findet vom 4. bis 6. September 2026 auf dem Flugplatz Mendig statt. Anmeldung für Gäste, Anreise und Programm unter jalsasalana.de.

Quellen:  Muhammad Ilyas Munir, „Die Geschichte der Jalsa Salana in Deutschland“, Teil I und II, Revue der Religionen 2021.
Revue der Religionen, Berichte zur Jalsa Salana Deutschland 2023 und 2024.
Presse- und Medienbüro der Ahmadiyya Muslim Jamaat zu den Jalsas 2024 und 2025.
Berliner Zeitung, 2. September 2023.

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